11. Aug. 2010

Tabori

11. August 2010 · von Toast · Keine Kommentare

Und mal wieder aus den Tiefen des Reiches Youtube.

Wer das Glück hatte, damals im BE dabei gewesen zu sein, der wird diese Hommage so schnell nicht vergessen; es war eine Ehrerbietung an eine große Theaterlegende, an einen exzellenten Dramatiker an einen, dessen Blicke auf die Welt uns immer zum Denken anregten und anregen…

Leider ist diese Fassung hier, die im TV ausgetrahlt worden ist, eine etwas gekürzte Version; mir ist unklar, warum man sowas schneiden muss(te) — Nun denn, ein Sammelsurium für Theaterfreunde ist es allemal…

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Der Klassenkasper

4. Juli 2010 · von Toast · Keine Kommentare

Ein Zeit-Artikel von 2000 fiel mir neulich in die Hände. Es ging um Harald Schmidt, ein Interview über seine damals neue Show und wie er als Schauspieler all seine Erfahrungen in die bis heute legendär gebliebene Late-Night-Show einbrachte, sehr interessant!

Hier: noch der direkte Link zur Zeit-Seite

Der Klassenkasper

Meine Lehrjahre (1): Harald Schmidt, TV-Entertainer

Harald Schmidt, 42, ist Deutschlands “Late-Night-König”. Für seine “Harald Schmidt Show” auf Sat.1 wurde der TV-Profi mit Preisen überhäuft. Die Rolle des “Dirty Harry” spielte er aber bereits in der Schule. Mit Harald Schmidt starten wir unsere neue Serie, in der Prominente aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien von ihren Erlebnissen als Schüler, Studenten oder Lehrlinge erzählen.

ARAL. Das erste Wort, das ich lesen konnte, war Aral. Da war ich fünf Jahre alt und ging noch nicht in die Schule. Wie ich lesen gelernt habe, weiß ich nicht mehr, irgendwann konnte ich es halt. Meine Eltern haben mich sehr dafür gelobt.

Ich erinnere mich an viele Details aus meiner Schulzeit. An meine Grundschullehrerin zum Beispiel: Frau Nießner war eine strenge, ältere Dame, für mich eine Autorität, eine Art Johannes Rau im Rock. An den Mathelehrer im Gymnasium, der eine klare, solide Diktatur aufgebaut hatte. An die Mitschüler, die ich ständig verarschte. An den Pausenhof. Da stand ich immer in einer Ecke und kommentierte alles, was passierte.

Ich war sehr früh Klassenkasper und bin das bis zum Schluss geblieben. Ich war eben nicht so problemlos integrierbar, schlecht im Sport, ängstlich. Deshalb habe ich mich hinter Ironie verschanzt. Mit acht oder neun Jahren bekam ich eine Brille – als erstes Kind in der Klasse. Ein Kassenmodell, graues Horngestell. Heute Kult, so was trägt Oasis, aber damals fand man das schrecklich.

Dass ich aufs Gymnasium gehen würde, stand nie infrage. Denn in der Grundschule hatte ich nur Einsen. Meine Noten blieben auch im Gymnasium erst mal gut. Nur in Betragen hatte ich bald “befriedigend”. Für meinen Vater der Horror, schlimmer als eine Fünf in Mathe. Ich war permanent vorlaut, redete im Unterricht ständig dazwischen.

Verweise und blaue Briefe waren mir Wurscht, Noten irgendwann auch. Etwa in Sport. Als ich für das Abitur eine Geräteübung vorturnen sollte, habe ich mir zehn Minuten lang die Hände mit Magnesium eingerieben. Dann einmal kurz am Reck hochgezogen, das war’s. Die Halle hat getobt vor Lachen, es gab Standing Ovations. Und ich bekam eine Sechs.

In der zwölften Klasse bin ich durchgefallen, mit fünf Fünfen im Zeugnis, ich hatte jahrelang kaum gelernt. In Latein konnte ich irgendwann nicht mehr erkennen, was ein Eigenname und was ein Verb ist. Einen Satz wie “Die Schiffe verlassen den Hafen” habe ich mit “Die Ithaker standen am Büfett” übersetzt.

Wichtiger als das Lernen war in den letzten Schuljahren die Vorbereitung auf meine Schauspielerkarriere. Ich war der offizielle Schul-Entertainer, habe das Schultheater geleitet. Außerdem bin ich ständig von Nürtingen, wo ich wohnte, nach Stuttgart ins Theater gefahren. Sobald ein Schauspieler dort einen neuen stimmlichen Manierismus draufhatte, habe ich den imitiert.

Dass ich die Aufnahmeprüfung für die Stuttgarter Schauspielschule bestehen würde, habe ich nie bezweifelt. Von 80 Bewerbern wurden 4 ausgewählt, ich war dabei. Meine Kollegen dort hielten mich für oberflächlich. Es war damals in, nicht sprechen zu können und ständig Heulkrämpfe zu haben. Doch ich wollte schon da ganz vorne stehen, viel Licht und die meisten Lacher haben.

Die Ausbildung dauerte drei Jahre: Gruppen- und Einzelunterricht, Körpertraining, Improvisation, Sprechtraining. Ich fand das toll und wichtig. Aber ich denke, ich wäre heute nicht der, der ich bin, ohne meine Erfahrungen aus der Schulzeit. Eigentlich verwerte ich die Beobachtungen von damals permanent in meiner Show: versoffene Zahnarztfrauen, verpisste Damentoiletten auf dem Ausflug der katholischen Kirchengemeinde, die Pauker, die Streber – alles. Man muss das selbst mitgemacht haben, um es später verspotten zu können. Nicht ohne Grund gibt es keinen Komiker, der aus der Oberschicht kommt.

Aufgezeichnet von Sigrun Albert

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Besuch in der Heimat – Unser Haus

30. Juni 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare

„I will live forever“ dröhnt es an mein Ohr. Ich sitze in einem Raum mit nackten Betonwänden, auf einem Campingstuhl, um mich herum tanzen ausgelassen junge Menschen. Die Wände sind mit vielen Farben beschmiert, ergeben ein bizarres Bild im Licht des Scheinwerfers.

Farbe, Räume, Geschichten gehen mir durch den Kopf. Kopfkino.
„I will live forever…“ und ich spüre wie dieser Ort seinem Ende entgegensieht. Ich weiß um seinen Abriss. Es war sein letzter großer Auftritt. Game Over.

Wie beginnt man eine Geschichte, deren Anfang und Ende man nicht kennt?
Ich bin einer Einladung gefolgt: Theatergruppe hat Haus, aus Dornröschenschlaf geweckt.
Der Plattenbau wird abgerissen werden, aber vorher wollen Schüler das Haus besetzen und seine und ihre Geschichten erzählen.
Es ist 18:50Uhr und während ich aus dem Auto steige, sehe ich schon eine Ansammlung von Menschen vor einem großen kastenförmigen Betongebäude. Mitten in einem sozial schwachen Plattenbaugebiet. Leer stehende Blocks, die Nachbarn sind ein Obdachlosenheim und Carisatt.

Man kennt die Geschichte dieses Bezirks und bringt seine eigenen Gedanken mit. Hier rechnet man mit erschütternden Geschichten sozial schwacher Randgruppen. Was könnte mir sonst so ein Haus erzählen?
Hier war bis vor 20 Jahren ein Zuzugsgebiet, ein Arbeiterwohnheim, vor allem für Vertragsarbeiter aus Vietnam, dann für Asylbewerber und Spätaussiedler, ein Übergangsquartier für alle möglichen Menschen in Übergangssituationen, schließlich auch ein muslimisches Zentrum und seit 7 Jahren – nichts. Ein Plattenbau -gebaut mit großen Ambitionen des DDR-Staates. „Wohnen am Park“ und „positive Sozialprognose“ haben dieses Projekt begleitet. Der Abriss ist für August 2010 geplant. Wenn Geld dafür da ist.
Ich begebe mich unter die Leute, sehe bekannte Gesichter, schließe mich einer Gruppe (Familie) von Besuchern an, erwerbe ein Programmheft und warte.

Noch vor dem HAUS sehen wir die grauen Wände, die Farbe, die abbröckelt, und die Spieler beginnen ihr Spiel. Ein Spiel mit dem Klischee, mit der Fantasie, mit Vorurteilen und bitterbösem Humor, der betroffen und nachdenklich macht. Der unsere Sicht auf Menschen und Stadtteile, sei es Berlin-Marzahn oder Schwerin-Großer Dreesch, hinterfragt. Da krepiert der Lacher im Hals, da verschluckt man sich an der Realität. Trotzdem kommt keine Moral, sondern ich bleibe bei mir und bin Zuschauer.
Hier werden einmal meine Erwartungen gebrochen, damit ich mich einlassen kann auf das Filigrane, auf das Wirkliche, das Eigentliche, das Persönliche.
Es beginnt ein Rundgang, eine Führung, von Wohnung zu Wohnung, von Raum zu Raum, von Geschichte zu Geschichte, von Beobachtung zu Beobachtung, von Gedanke zu Gedanke, von Traum zu (Alp)Traum. 2 Etagen, 5 Abteilungen, 29 Räume, 4 Ausstellungen, 33 Spieler.

Die folgende Stunde ist wie Kaninchenbau, ist Wunderland, ist Kindheit, ist Suche. Das weiße Kaninchen hat grüne Fußabdrücke, die Grinsekatze eine Trillerpfeife. Ich bin Alice und folge Treppe rauf und runter, durch scheinbar endlose Flure.

Es geht ums Wohnen, ums Leben, um Zukunft. Es geht um Schönheit, um Träume, um Glauben, um Liebe, um Ängste… dieses Haus ist ein Museum geworden, ein Fundort persönlicher Geheimnisse und Gedanken. Manche so leise geflüstert, dass sie im Stimmengewirr untergehen, manche an die Wand geschlagen, geschrieben. Sie sind allgegenwärtig. Ich verlasse keinen Raum, wie ich ihn betreten habe. Dieses Haus lebt, für einige Minuten, voller Stimmen, voller Menschen, voller Erinnerungen einer alten und den Träumen einer neuen Generation. Ich lese Wände wie Tagebücher, sehe Parolen und bekomme eine Ahnung von Geschichte. Es ist so vielseitig wie einzigartig, so persönlich wie künstlerisch. Die Räume erzählen, die Spieler erzählen und gemischt mit meinen Gedanken, ergibt es einen Sog, in dem sich viele Bilder vermischen und doch einzeln gesehen werden. Ein einzigartiges Theatererlebnis, wo ich mit wenigen Menschen in einem dunklen Raum, ohne Fenster und mit 8 Türen, stehe und ein Spieler rennend an den Türen rüttelt, den Ausgang sucht und die Frage nach dem „Woher? Wohin?“ stellt.

Es begleiten mich Beklemmung, Trostlosigkeit, so wie mich Ideen und Räume beschäftigen, ich über Träume schmunzeln und über Geschichten staunen muss.

Und wie Alice verlasse werde ich das Wunderland… ohne alles gesehen zu haben. Aber wie Alice nehme ich etwas nach Hause mit und bin mir sicher, dieser Abend „will live forever“.

ein paar Bilder hier…
Mehr unter: taggs-schwerin.de

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Hedda Gabler in der Schaubühne

8. Juni 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare

Hedda Gabler ist eine echte Inkarnation des Bösen. Und ist es nicht interessant: Wann immer man auf eine solche in weiblicher Form stößt, sei es in der Literatur, im Film, im Theater, so ist es doch meistens eine, die der vollen Weiblichkeit entspricht – falls es so etwas überhaupt gibt –, die ihre erotischen Reize zur Waffe macht, immer oszillierend zwischen Eros und Thanatos. Gefährlich und sexy. Oder: Gefährlich, weil sexy. So sind die weiblichen Bösen der Kulturgeschichte.

Erfrischend spröde dagegen erscheint dem Zuschauer die Hedda Gabler der Schaubühne. Katharina Schüttler hat alles Warme – und eben auch alles Heiße – aus ihrer Figur verbannt: Sie ist die Inkarnation des Bösen, weil sie mit jeder Faser ihres Körpers Kühle, Härte und Gleichgültigkeit gegen andere verkörpert – und das selbst beim Anbandeln mit dem Anwalt ihres Mannes, bei der Wiederbegegnung mit ihrem Früher-mal-Geliebtem. Sie scheint resistent gegen die Gefühle und Schicksale ihrer Mitmenschen, kann weder für Mann noch potentiellen Geliebten noch Freundin Mitleid aufbringen.  

In charmanten Gegensatz zu ihr setzt sich gekonnt Lars Eidinger, der als Heddas Mann seine Figur die volle Harmlosigkeit verkörpern lässt. Jörgen Gabler, ein aufstrebender Historiker mit Professuraussicht, ist ich-bezogen und verblendet; obwohl seine ganze Sorge seiner Frau, ihrem Wohlbefinden und der gemeinsamen Zukunft gilt, ist er doch nicht in der Lage, Heddas wahren Charakter und ihre wahren Bedürfnisse zu erkennen. Er jagt Idealbildern nach, hält Illusionen aufrecht, ohne Sinn für die Realität, ohne zu merken, dass seine Ehe auf Lügen aufgebaut ist. Und dabei spielt Eidinger diesen Jörgen so wunderbar naiv, unendlich unbedarft, unendlich gutherzig.

Trotz dieser eindeutig scheinenden Sympathieverteilung gelingt es Regisseur Thomas Ostermeier in seiner klugen Inszenierung, das Gleichgewicht zu halten. Er macht dem Zuschauer das Urteilen schwer, denn in diesem Stück von Henrik Ibsen trägt jede Figur eine Teilschuld. Sie alle leben in ihren Scheinwelten mit ihren Scheinwahrheiten, belügen sich selbst und benutzen andere, um ihre Lügen aufrecht erhalten zu können. Sie schaffen Abhängigkeiten, um sich selbst Konsistenz zu geben. Es geht um Macht und um die Frage nach Aufrichtigkeit.

Den Darstellern gelingt es sehr gut, diese Themen herauszukristallisieren und den Text immer wieder stärker zu spielen, als er in dieser furchtbaren und unpassend modernisierten Fassung, die die Schaubühne präsentiert, eigentlich ist. Man sieht den Figuren dabei zu, wie sie einander und sich selbst zugrunde richten, und das zu lakonischer Beach-Boys-Musik: „I may not alwyas love you/ but long as there are stars above you“. Und: „God only knows, what I’d be without you.“

Zum Schluss weiß auch der Zuschauer, what he’d be without her: Hedda erschießt sich, Jörgen bleibt zurück. Die Inszenierung unterstellt: mit altem Freund und alter Tante, vielversprechendem Buchprojekt und neuer Freundin in Aussicht. Das wirkt frech sarkastisch in Anbetracht dessen, was in den letzten zwei Stunden da auf dieser wunderbaren Drehbühne mit Spiegeleinsatz und Videoprojektionen alles kaputt gegangen ist. In Beziehungen. In Menschen. Aber vielleicht – ist es ja im wirklichen Leben manchmal tatsächlich so.

Lydia Dimitrow

“Hedda Gabler” in der Schaubühne am Lehniner Platz. Gesehen am 05.06.10. Weitere Infornationen hier.

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Schlossfestspiele und junge Bühne Blog

4. Juni 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare

Letzte Woche noch beim ttj getippt, kann ich diese Woche mich wieder ganz dem lesen und beobachten widmen. Seit einer Weile habe ich den Blog der Zeitschrift: „Jungenbühne“ im Feed Reader. Unter „Block’n'Roll“ ist ein Link zu finden. Jetzt gerade wird eine ganz interessante Reihe über die Schweriner Schlossfestspiele gebracht. Junge engagierte Blogger, da muss jetzt hier einfach mal Werbung gemacht werden. Frohes stöbern.

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FZ_#1

21. Mai 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare

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Morgen, Kinder …

20. Mai 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare

wirds was geben… nämlich die FZ #1. Morgen beginnt das 31. ttj, DAS Theatertreffen der Jugend. Die Wabe hat ihre Festival Form eingenommen (wabig), die Fassbrause schmeckt schon. Ich habe mich als Fan geoutet und bin dieses Jahr (wieder) dabei. Diesmal nicht auf der Bühne, sondern an der Tastatur. Es warten 8 Gruppen, junger, ambitionierter Menschen, die in 9 Tagen Festival viel zeigen, sehen, lernen, erleben, essen, lachen und wenig schlafen.
Hier lang zum Blog… wo Khesrau ab Samstag auch vom Festival bloggen wird.

FZ Planung 1. Ausgabe

(der zeitnahe Leser merkt, ich bin einen Tag zu spät. heute war etwas Zeitdruck)

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Theater, Schule – Achtung! Wichtig!

14. Mai 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare

Dieses Video bietet einen Einblick in ein Fach, das mehr ist als ein pädagogisches Werkzeug. Ist Theater ein verkanntes Schulfach? Oder ein falsch verstandenes? Geht es um Argumente oder um ein anderes Bild, eine andere Gewichtung? Braucht unser Bildungssystem eine Reformation, hinsichtlich der Möglichkeiten alternativer Lernfelder? Kann man Schulfächer, Lernfelder, überhaupt gewichten? Was ist wichtig? Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung? Möglichkeiten zur intensiven Auseinandersetzung? Wie soll vermittelt werden? Wie ist es nachhaltig? Gruppenerfahrungen statt Frontalunterricht? Sozialkompetenz statt Faktenwissen? Darf man diese Fragen stellen?

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12. Lange Buchnacht in der Oranienstraße

13. Mai 2010 · von Lydia Dimitrow · 1 Kommentar

Ja, Berlin steht auf lange Nächte. Und ganz besonders eben auf lange Kulturnächte.

Schon zum 12. Mal widmeten Kreuzberger Buchhändler und Gastwirte eine ganze Nacht den Autoren, Kulturschaffenden der Welt – na ja, zumindest Deutschlands – und natürlich vor allem: dem Publikum. So konnte man am 8. Mai 2010 von 14.00-01.00 Uhr mit freiem Eintritt an rund 50 Orten diverse Lesungen, Präsentationen, Vorträge; Kulturveranstaltungen erleben, und dabei gleich das Kreuzberg rund um das Kottbusser Tor ein wenig näher kennen lernen. Denn die Orte waren vielfältig: von sämtlichen Kneipen und Bars in der Oranienstraße und unmittelbarer Umgebung, über Eiscafés und Kindergärten, Bibliotheken und Bücherläden, Feuerwehrwagen und Kino bis hin zum Kreuzberg Museum und dem legendären SO 36 beteiligte sich wohl jeder Ort rund um die Oraninestraße, der auch nur annähernd Platz für ein Publikum bieten könnte. So vielfältig wie die Veranstaltungsorte waren dann auch die Veranstaltungen selbst: Es gab Musik und Film, Büchertausch und Bildpräsentationen, es lasen Autoren und auch ganze Lesebühnen, Lyrik, Szenen, Geschichten, es wurde geslamt und gesungen, gezeigt und gefragt, signiert und gekauft. Man konnte viel Neues entdecken auf dieser langen Buchnacht, aber auch altbekannte Gesichter endlich mal wieder live sehen.

Aber – man musste zusammenrücken in dieser Nacht, mehr als einmal, denn nicht jede Kreuzberger Bar hat Platz für mehr als fünfzig Gäste, auch nicht jeder Buchladen, und nicht immer reichte der Blick durch die Fensterscheibe. Trotzdem blieb man manchmal draußen stehen, um eben doch etwas hören zu können, oder man stand zwischen Kuchenvitrine und Toilette, aber oft musste man auch einfach einen geplanten Programmpunkt von der Liste streichen, weil es absolut kein Reinkommen mehr gab. Dann hieß es: Spontan Sein und Weiterziehen. Und nichts fiel einem leichter auf dieser Buchnacht als dies, denn letztendlich gehörte auch dieses Weiterziehen, Umschwenken, Reinquetschen, Durch-Türen-Hören zu den Dingen, die dieser langen Nacht ihren ganz besonderen Charme verliehen. Diesen familiären Rumpel-Charme, durch den sich niemand ausgeschlossen fühlt – auch wenn man manchmal einfach nicht mehr reingepasst hat. Es ist vor allem genau dieser Charme, dieses besondere Gemeinschaftsgefühl mit Entdecker-und-Erlebnis-Hauch, der die 12. Lange Buchnacht in der Oranienstraße dann von anderen langen Nächten Berlins unterscheidet – und so sympathisch macht.

Vielleicht ist Charme auch das falsche Wort, vielleicht sollte man eher von einer ganz besonderen Magie sprechen, die dieser Abend hatte, eine Magie, die zum Beispiel im eis36 (Adalbertstraße 96) zu spüren war. Das Eiscafé regte mit seiner Aktion “My book ist your book and your book is mine!” zu einem ganz besonderen Büchertausch an. Mybook anstelle von myspace. Da saß ein runzliger Flamenco-Gitarren-Opa unter einer Troddel-Stehlampe und spielte und sang, und wenn er nicht sang, dann rezitierte der Runzel-Opa neben ihm spanische Texte zu der Flamenco-Musik, während man seine alten oder ungeliebten oder doppelt vorhandenen Bücher gegen neue Schätze tauschte. Schätze in allen möglichen Sprachen zu allen denkbaren Themen. Wenn das nicht magisch ist.

Wo wir schon bei 36 sind: Ein besondere Zufluchtsort wurde an diesem Abend übrigens das SO36 (Oranienstraße 190), das ob seiner Größe jeden Woanders-nicht-Reingekommenen noch aufnehmen konnte und mit seinem Fast-Ohne-Pausen-Programm auch einiges zu bieten hatte. So las dort zum Beispiel Knud Kohr aus seinem Roman In Cuxhaven, in denen Geschichten von Zahnspangendosen klauenden Jungs und Eierlikör trinkenden Tanten erzählt werden, Geschichten von Kindheit, von alten Versprechen, Heimkehr und natürlich auch von der Liebe, und das alles in manchmal komischen, manchmal ernsten Ton, aber immer wunderbar leicht und sehr unterhaltsam.

Auch unterhaltsam, aber weniger leicht ging es zu, als Barbara Yelin ihre Graphic Novel Gift (zusammen mit Peer Meter) in Wort und Bild im Comic-Laden Modern Graphics (Oranienstraße 22) vorstellte. Es geht in diesem historischen Roman im Comic-Gewand nämlich um die Giftmörderin Gesche Gottfried, die in Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts 15 (!) Menschen mit Mäusebutter ermordet hat. Auch wenn die Zeichnerin sich selbst und diesen historischen Stoff nur allzu ernst nahm und zum Teil geradezu pedantisch Entstehungsumstände des Comic-Bands sowie historische Hintergründe referierte, konnte bei den Zuhörern trotzdem keine trübe Stimmung aufkommen; wie auch – wenn man neben gefühlten tausend anderen Besuchern auch noch von Barbapapa & Co. umgeben ist.

Absoluter Höhepunkt der langen Buchnacht war auch an Modern Graphics geknüpft: Auf der Straße, vor den Schaufenstern des Comicladen spielte um 24.00 Uhr OMP – das Orchestre Miniature in the Park. Und das unter strengen Vorgaben: Es wurden nur Kinderinstrumente benutzt (Kindergitarre, Kinderbass, Triola, Kinderschlagzeug, Kinderschellenreif, Kinderblockflöte, Kindersaxophon, Kinderxylophon…) und in allen gecoverten Songs mussten die Wörter “Sonne” oder “Sommer” vorkommen. Es war ein Fest! Mit besten Chorgesängen aller Barbershop, einem extrovertieren Frontsänger, engagierten Musikern trotz Kinderinstrumente und einem Repertoire von Cream bis Tocotronic rockte dieses OMP die Nacht – zum Mitsingen, zum Mittanzen. Dieser Sack voll Musiker boten den buchstäblichen krönenden Abschluss für diese 12. lange Buchnacht.

Wer in diesem Jahr nicht dabei sein konnte – am 14. Mai 2011 wird die 13. lange Buchnacht in der Oranienstraße stattfinden. Wer dann nicht dabei sein kann – ist selber schuld. Denn diese lange Nacht wird sicher eine der schönsten Nächte des Jahres sein.

Lydia Dimitrow.

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Mord in Kreuzberg

11. Mai 2010 · von keinHamlet · 1 Kommentar

Tatzeit: Donnerstag zwischen 20 und 22Uhr.
Tatort: BKA Theater
Täter: Paternoster
Motiv: Volksbelustigung. MordArt

Wir steigen die Treppen, denn der Fahrstuhl ist langsam. Wir betreten den Saal. Links Bühne, diverse Instrumente, ansonsten Schwarz. Rechts Stühle, Tische und wir.
Improvisationstheaterkrimi.
Der Plot wird gestaltet vom Publikum. Fest steht, dass wir uns im alten Rom befinden. Mordarten können via Papyrus vorher gebracht werden, wird später durch ein Orakel gezogen.
Personen, Berufe, Opfer, Namen, Orte, Indizien werden durch den Willen des Volkes bestimmt.
Columbos Kurruptus ermittelt, denn Kaiser Titus Tinitus wurde erstochen in der Ziegenmilch Recyclinganlage gefunden.
Verdächtig sind Pupulus, der Jüngling am Hof, Nervia, die Schwiegermutter, Interrupta die Ausländische Sklavin. Stevus ist der Musiker, Wächter, Bote für alle Gelegenheiten.

Szenen aus dem Alltag des Kaisers, verrieten Motive, das Publikum rätselte, es gab eine Pressekonferenz, es gab Indizien, es gab einen Kampf in der Arena, es gab Affären, Schuldzuweisungen, ein kurzzeitig emanzipiertes Rom, „Wilde“ Tiere, musikalische Einlagen, blitzschnelle Reaktion… es war humorvoll, manchmal ironisch, zum selbst lachen, über andere lachen, über Skurilität lachen… eine verrückte und doch fesselnde Geschichte, voller Spannung, was als nächstes passiert.
Kann man nur weiter empfehlen. Ach und Curry 36, vor der Tür. Lecker.

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