Die Dukes of Windsor im MAGNET – das ist wirklich kein Drama, aber warum nicht auch mal ein Konzert besprechen? Vor allem, wenn es um eine Band mit einem so besonderen Lokalkolorit geht: Die fünfköpfige Band bestehend aus Oscar Dawson, Joe Franklin, Scott Targett, Jack Weaving  und Mirra Seigerman hat im Dezember 2009 ihr sonniges Australien verlassen und ist geschlossen in die coolste Stad der Welt gezogen – Berlin. Mindestens seitdem laufen auch die Berliner Radios bei dem Dukes-Song It’s A War heiß.
Weniger heiß lief gestern leider das Berliner Publikum im MAGNET (der übrigens noch diesen Monat die Greifswalder Straße verlässt!). Bei der Dukes-Vorband The Intersphere war das auch mehr als verständlich. Pseudo-cooler Emotional-Rock à la Muse (oder wer weiß, bei wem sich die Band versucht hat, leidende Rocker-Posen abzugucken), der in erster Linie unecht und aufgesetzt wirkte und die Beine so gar nicht zum Tanzen verführen wollte. Das könnte auch daran gelegen haben, das im Grunde ein Song wie der andere klang; und 45 Minuten zu einem einzigen Song tanzen will ja nun wirklich niemand – es sei denn vielleicht, es ist ein Doors-Song. Türen haben The Intersphere aber gestern eher geschlossen: Türen zum Mittanzen, zum Mitpogen, zum Mitrocken – zum Mitgehen.
Warum das Publikum bei den Dukes Of Windsor dann aber eine ziemlich zähe Masse blieb, ist dann wohl doch eher ein Rätsel des Berliner Nachtlebens: für mich ungelöst. Tanzende Menschen waren jedenfalls nur vereinzelt anzutreffen, vor allem wenn Mit-dem-Kopf-Wippen-und-mit-den-Zehen-Wackeln nicht zählt, von Pogo ganz zu schweigen. An den Dukes lag das aber nicht, die lieferten nämliche eine enthusiastische, überzeugende Show ab. Mit neuen Songs und gut bekannten Singles (It’s A War als dritter Song des Abends), mit authentischen und gar nicht ausgelatschten Rocker-Posen kamen sie musikalisch auf den Punkt, boten mehr, als eine myspace-Seite bieten kann, und waren dabei so sympathisch!
Diese Sympathien hatte die Band vor allem Sänger Jack Weaving zu verdanken (der beim Tanzen immer ein bisschen aussieht, als würde er durch den Görlitzer Park joggen), und das obwohl er fast gegen Ende erklären musste: „Ich bist krank.“ Da wurde er auch gleich von Gitarrist Oscar Dawson korrigiert: „Ich bin krank, du bist krank. Und Jack ist ein Dummkopf.“ Klar. Bei einmal die Woche Volkshochschule muss man mit seinen frischen Deutschkenntnissen auch mal ein bisschen angeben können… Sie meinen es eben ernst mit ihrem neuen Zuhause.
Und das ist in gewisser Weise auch ihr Kapital: Die Dukes Of Windsor sind keine besonders innovative oder einzigartige Band, deren Alben man all seinen Freunden zu Weihnachten schenken will. Sie bieten einfach soliden Indie-Rock zum Tanzen, zum Spaß haben, zum Abgehen. Und sind eben vor allem eins: sympathisch. Deswegen bleiben sie auch auf jeden Fall ein Tipp für alle Berliner, die für nicht ganz so viel Geld (gestern: Ticket 8€) ein gutes Rockkonzert erleben wollen. Und nebenbei eben auch ein bisschen Verliebt-in-Berlin.
Der Aufstieg und der Fall der Stadt Mahagonny – ein Stück, dass seine Geschichte schon im Titel trägt. In Brechts Oper werden verschiedene Lebensmodelle, die in einer Stadt verwirklicht werden könnten (oder werden?), vorgeführt.
Mahagonny soll eine Alternative zu den großen Städten sein, zu all dem Rauch, dem Schmutz, der Arbeit. Mahagonny soll Vergnügen bieten, eine Paradiesstadt sein. Man will Ruhe und Eintracht: Es werden Whiskey, Mädchen und Boxkämpfe geboten, dafür wird bezahlt und man hält sich an Regeln. Man macht keinen Lärm. Man schont die Stühle. Aber dieses Konzept der Überregulierung scheitert: Langeweile kommt auf, und richtiges Glück stellt sich auch nicht ein. Aus dieser Situation führt Jim Mahoney, der in der Nacht, in der die Stadt von einem Hurrikan bedroht wird, die „Gesetze der Glückseligkeit“ findet; die bestehenden Regeln werden aufgehoben, der neue Leitsatz lautet: Du darfst! „Wir brauchen keinen Taifun!/ Denn was er an Schrecken tun kann/… das können wir selber tun!“ Aber auch dieser Versuch der extremen Deregulierung scheitert: Die Stadt endet im Chaos und in der Anarchie, Jim Mahoney wird hingerichtet, weil er kein Geld mehr hat. Fazit: Ein Leben in der Stadt scheint unmöglich, ebenso wie Liebe und Freundschaft in einer Welt, die vom Geld bestimmt wird.
Und dieses StĂĽck kam nun in der Komischen Oper auf die BĂĽhne, am 04.03.10 leider zum letzten Mal in dieser Spielzeit.
Ein Brecht-Stück tatsächlich in einer Oper zu sehen, nicht mit Schauspielern, sondern mit Opernsängern wirkt anfangs etwas befremdlich. Aber dann gewöhnt man sich schnell an die Dauer-Präsenz der Orchestermusik und an die (wirklich fast ausschließlich) gesungenen Texte. Im Prinzip würde auch keine Form besser passen zu dem von Brecht gewählten Stoff: Wirkliche Kommunikation gibt es in Mahagonny nicht. Die fast einzigen wirklichen Dialoge sind Verhandlungen. Ansonsten bleibt jeder mit sich allein, und wie könnte man das besser verdeutlichen als mit den Mitteln der Oper? Denn Gesang isoliert Figuren meistens voneinander, legt den Fokus aus den Einzelnen, nicht das Gemeinsame. Wichtige Ausnahme bildet hier natürlich jede Form des Chorgesangs. Und die Chöre, die Robert Heimann dem Publikum hier bietet, vor allem die Männerchöre, gehören zweifelsohne zu den Höhepunkten des Abends.
Ansonsten sind gesangliche Höhepunkte (wie oft in den Berliner Opern) an diesem Opern-Abend rar gesät. Aber die Sänger hätten auch heiser sein können oder alle Töne verfehlen – es hätte fast nichts ausgemacht. Denn diese Inszenierung von Brechts Oper durch Andreas Homoki ist eine so kluge, so wohldurchdachte, dass der Abend so oder so zum Fest wird. Bühnenbild, Kostüme, die Projektion von Brechts Regieanweisungen, Requisiten, die Spieler werden der Textvorlage so gerecht, dass es fast unheimlich ist. Auf jeden Fall: unheimlich gut. Besonders in der zweiten Mahagonny-Phase kann man sich kaum sattsehen an all der Völlerei und Wollust, den bonbonfarbenen Glitzer-Kleidern und Schimmer-Sakkos; selbst das wahrlich verbrauchte Bild des Geld-in-die-Luft-Werfens wirkt nicht verbraucht, sondern echt. Man sieht Stadtbewohnern dabei zu, wie sie in ihren Untergang gehen, und es schaudert einen. Jims Freund Jakob frisst sich zu Tode. Die projizierte Regieanweisung lautet: Er fällt tot um. Aber Jakob fällt nicht tot um: Er bricht in Lachen aus. Das ist das wahre Grauen.
Mit solchen klugen Regieeinfällen macht Andreas Homoki seine Inszenierung vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu einer herausragend gelungenen. Die einzige Frage, die man wohl stellen könnte, ist, warum sich Dramaturg Werner Hintze für die Textfassung von 1930 entschieden hat, obwohl Brecht später seine Oper (wie die meisten seiner Stücke) noch einmal überarbeitet und aktualisiert hat. In seiner Fassung von 1955 entfällt der starke Amerika-Bezug, was die Geschichte Mahagonnys übertragbarer und allgemeingültiger werden lässt, während auch etwas hinzu kommt: Hoffnung. Am Ende erkennt Jim Mahoney (der da allerdings Paul Ackermann heißt), dass das Glück, was er in Mahagonny gefunden hat, kein echtes Glück war. Denn Freiheit kann man nicht kaufen. Wo Erkenntnis möglich ist, da besteht Hoffnung. Eine Hoffnung, die in der Inszenierung der Komischen Oper fehlt. Aber das ist vielleicht gar nicht so schlimm – wo doch schon so viele andere Hoffnungen an diesem Abend erfüllt worden sind. Zum Beispiel die Hoffnung auf einen gelungenen Opernabend. Was zu hoffen bleibt – dass das Stück so bald wie möglich wieder in den Spielplan aufgenommen wird.
Lydia Dimitrow
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in der Komischen Oper Berlin – Infos und Video Hier.
Am 21. Februar 2010 postet keinHamlet das Zitat des Tages: „Die meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben“ (Max Frisch). Wie passend also, dass man am 23.02.10 dann bei der Inszenierung von Frischs Andorra im Berliner Ensemble dabei sein konnte. Wer da aber Dabeisein mit Erleben verwechselt hat, waren wohl weniger die Zuschauer als vielmehr die Spieler. Leider. Raum für Erleben blieb jedenfalls auf keiner der beiden Seiten vom Bühnenrand.
Andorra – altbekannter Stoff zumindest für Berliner Schüler. Es geht um einen Juden, der gar keiner ist, aber irgendwann anfängt, die ihm zugeschriebene Rolle anzunehmen; es geht um Wahrheit, Identität, Schuld; um ein schneeweißes Andorra, das sich von den „Schwarzen“ bedroht fühlt, aber letztendlich selbst seine weißen Mauern rot färbt.
Frisch dekliniert in diesem Stück seinen Leitsatz „Du sollst dir kein Bildnis machen“ bis zum (bitteren) Ende durch: In Andorra führt das Bildnis Machen zum Tod. Zu Tod, Zerstörung, Wahnsinn. Auf der Bühne des Berliner Ensembles führt es allerdings nur zu einer oberflächlichen und belanglosen Inszenierung. Denn den Satz „Du sollst dir kein Bildnis machen“ hat sich Spielleiter Claus Peymann ganz offensichtlich nicht zu Herzen genommen. Frischs deutliche Figurenzeichnung mutiert bei Peymanns Spielern zu holzschnittartiger Oberflächlichkeit.
Zum Glück trägt der Soldat (Georgios Tsivanoglou), der Barblin (Judith Strößenreuter) bedrängt und Andri (Thomas Niehaus) schikaniert, Springerstiefel und eine unvorteilhaft sitzende Camouflage-Hose, sonst hätte man ihn ja nicht als Soldat erkannt! Zum Glück ist er dick, ungehobelt und laut – und das in jeder Minute seines Auftritts. Sonst hätte sich ja fast eine Spannung, ein ambivalentes oder gar hin und her gerissenes Verhältnis zwischen ihm und Barblin entwickeln können! Sonst hätte der Zuschauer ja fast einen Moment die scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse aus den Augen verlieren können… So ein Glück auch, dass Barblin am Ende mit kurz geschorenem Haar in Erscheinung tritt – eben so, wie es sich für eine Judenhure und eine, die wahnsinnig geworden ist, gehört.
Peymanns Inszenierung lässt keinen Raum für Nuancen, und damit ebenso wenig für Authentizität. Die Schuld, die Andris Vater (Norbert Stöss) anfängt zu spüren und die ihn schließlich in den Selbstmord treiben wird, wird behauptet, nicht gezeigt. Andris Mutter, die Senora (Ursula Höpfner-Tabori) bleibt farblos, nichtssagend, unnötig. Die scheinbaren Geständnisse der Andorraner , die in Wirklichkeit Versuche sind, die Schuld von sich zu weisen, werden so plakativ inszeniert, dass da nichts bleibt von dem aufrichtigen, verzweifelten Versuch oder auch dem eiskalt kalkulierten Ergreifen der Möglichkeit, sich selbst freizusprechen, nichts von dem Schwanken zwischen Schuldeingeständnis und Sich-selbst-Belügen.
Im Grunde hat Peymann natĂĽrlich Recht: Der Verrat, die Schuld sind groĂź, nicht klein, nur schade, dass sie eben auch so groĂź dargestellt werden, und nicht auch in ihrer Ambivalenz, in ihren kleinen Zeichen. Das Urteilen wird dem Zuschauer nicht schwer gemacht, aber genau das ist es im wirklichen Leben. Genau das ist es auch in Frischs Textvorlage. Aber im Berliner Ensemble macht sich der Zuschauer ein Bildnis. Und wird dem StĂĽck damit am allerwenigsten gerecht.
Trotz allem – dank der ausgezeichneten Textvorlage und dem bemühten Spiel von Thomas Niehaus und Judith Strößenreuter geht der Zuschauer dann eben doch berührt aus dem Theatersaal. Es bleibt eben dabei: Unrecht und Leid lassen nicht kalt. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass nicht zu viele Berliner Schüler in diese Inszenierung geschickt werden – sie könnten am Ende denken, dass eben doch alles so einfach ist, wie die Andorraner vorgeben.
Deutsches Theater. Gerade noch den Matsch an den Schuhen, jetzt voller Vorfreude, Kassenverhandlung. GlĂĽcklicherweise sind die Karten noch da. Ausverkaufter Saal.
Venedig und ich bin im Parlament. Das Spiel beginnt. Wie in eine gute Geschichte, werde ich hinein genommen, mitten in eine Situation. Figuren positionieren sich, vorhergegangene Konflikte werden deutlich. Ich wollte ja schon immer mal Othello sehen. Untypisch, aber anscheinend Zeitgemäß, wird Othello von einer Frau (Susanne Wolff) gespielt.
Das Bild wird begonnen zu zeichnen, wie Kreidestriche an einer Stahlwand. Ein Bild, das ich am Ende als undeutlich empfinde. Dabei sagt der Flyer:
“Jette Steckel, Nachwuchsregisseurin des Jahres 2007, begibt sich mit ihrer Inszenierung auf die Suche nach dem Fremden, dem Monstrum, dem Tier, dem Feind, Dem Mann, der Frau und dem Kind, die sich in der Figur des Othellos vereinen. Othellos Geschichte konfrontiert uns mit der Frage nach den Bildern von Identität und deren Zerstörbarkeit.”
Das StĂĽck enthielt einiges Identitätspotenzial. Gut, ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet “Gender”, aber die Flyer These finde ich “over the top”. Oder nicht inszeniert. Oder „ungenau“. Der neu errungene Begriff des Wochenendes.
Othello, ein Mann der sich im Krieg bewährte, Ruhm erlangte, um Anerkennung kämpfte, wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde, sich verliebte, seine Desdemona heiratete, in Jago das Gute sah, sich vom Freund Cassio abwandte, sich täuschen ließ, zum eifersüchtigen Ehemann und schließlich zum Mörder wurde.
Da steckt viel drin. Aber die Frau? Das Kind? Das Tier? (Den Rest verstehe ich ja)
„Hier ist, der mal Othello war: Ich bins.“?
Ich habe eine Geschichte gesehen, mit skurrilen Elementen, denn wenn Othello (Frau) und Desdemona (Frau) Liebesszenen spielen, sich ein Othello (nur) äußerlich verändert, entstehen Assoziationen, die irritieren.
Dann geht es nicht um die Identität des Othello, sondern um wechselnde Konflikte. Othello erschien mir immer Souverän, immer gleich, ob im roten Abendkleid, im Sakko, oder im GorillakostĂĽm. Es war immer der selbe Othello, in unterschiedlichen Konflikten. Ich sah einen Othello, der sich verkleidet und keinen der mit seiner Identität ringt. Das Spiel läuft straight. Die Story verläuft klassisch, mit angepasster Sprache und unnötigen “Comedy” Einlagen, die das Spiel fördern. Sie erzeugen Kurzwei(b)lichkeit.
Es war angenehmer Abend, der keine Fragen stellte und der fĂĽr mich keine Botschaft enthielt. Eine Geschichte ĂĽber Eifersucht und Täuschung. Ich freute mich ĂĽber die Schauspieler (Ole Lagerpusch als Jago war beeindruckend) und den Sturz des “eisernen Vorhang” (BĂĽhne: Florian Lösche) werde ich nie vergessen. Mein erstes Mal Deutsches Theater.
Kommentatoren kommentieren zeitnah das Zeitgeschehen. Heute bin ich schneller als die Offiziellen. Das passt zu meinem Entschluss „offensiver“ zu bloggen. Es wird eckiger, dafür wird die Häufigkeit etwas zunehmen. Erhoffe ich mir. Mehr Quantität, den es gibt so viel Theater und so schrecklich wenig Lebenszeit zum Schreiben. Zurück zum Thema:
Auf der offiziellen Homepage ist seit heute die Liste der 20 Stücke online die beim Theatertreffen der Jugend in der Zwischenauswahl sind. Diese Stücke wird in dem nächsten Monat(en) ein Paar Juroren besuchen, sich eine Aufführung ansehen und dann entscheiden ob das Stück zum Treffen nach Berlin eingeladen wird.
Die Phänomene sind die Wiederholung, bzw. das wieder auftauchen von Gesichtern, Namen, Stücken.
Vier Stücke aus Berlin. Zwei Stücke vom jungen DT.
Zwei Gruppen diente „Frühlings Erwachen“ von Wedekind als Vorlage.
Marienschule Münster – eine Gruppe der Schule war 2009 mit „Anne Frank und Ich“ beim Ttj, jetzt ist „SELBSTauslöser“ unter den letzten 20.
TEGS aus Hessen – war 2008 mit „Die Erziehungsberechtigten“, ihrer Version von „Die Fetten Jahre sind vorbei“, eingeladen. Es war der Versuch einer Revolution, die scheiterte, weil sich das Publikum nicht erhebte. Dieses Jahr wird in Hessen Woyzeck gegeben.
Von Marc Prätsch und sowie von Nuran David Calis durfte ich schon „Romeo und Julia“ sehen. Nuran David Calis inszenierte am Gorki (läuft noch), Prätsch am Jugen Schauspielhaus Hanover (2008) und wurde damit zum „Liebe Macht Tod – Schüler spielen Shakespeare“ Festival eingeladen.
Das war der erste Blick auf die Liste. Er enthält für mich als Berliner einige wichtige Informationen, wo man potenzielle „Bemerkenswerte“ und „Herausragende“ Jugendtheaterstücke sehen kann.
Ich bin gespannt auf die Auswahl, die StĂĽcke und freue mich auf bewegende und erhellende Stunden im Theater.
Weil Woyzeck schon ausverkauft war, musste ich in ein anderes StĂĽck und weil ich fast allein da war, saĂź ich nicht in der zweiten, sondern in der ersten Loge des DT. Von da oben konnte ich die ganze DrehbĂĽhne sehen, und weil sie so oft gedreht wurde, konnte ich sie auch von allen Seiten sehen. Nur das goldene Glitzerteil, um das es ging, konnte ich nicht sehen, weil alles auf der BĂĽhne so staubig war. Aber das war schon ok – soviel Abstraktion ist drin. Is that really you? Die Frage stand irgendwie gleich im Raum und auch: bist du der/die Richtige fĂĽr mich und fĂĽr immer und natĂĽrlich nicht, Medea ist ja halt auch einfach eine anstrengende Frau. Der Ehekrieg, aus dem beide Parteien + Anhang am Ende als Verlierer hervor gehen, war dann gar nicht mehr abstrakt sondern eher so, dass alle Scheidungskinder im Publikum dachten: kenn ich, will ich anders machen. Und weil auf der BĂĽhne langsam die Formsprache in den staubigen Rest ĂĽberging, hab ich mich dann zu meinem Sitznachbarn umgedreht, mit dem ich es anders machen möchte, und mich gefragt: Is that really you? Auf dem Nachhauseweg habe ich das dann lieber theatertheoretisch gewendet: also, ist doch lustig, wenn ein Schauspieler auf der BĂĽhne den anderen fragt: Is that really you? Weil: wer ist denn you und wer ist denn real im Theater…Aber bewegt hat mich natĂĽrlich was anderes. Das Goldene VlieĂź – es fängt nicht grad mit L an aber ie kommt trotzdem vor.
Gestern Abend feierte der Jugendclub vom Gorki Theater Berlin Premiere. Das Stück Kaufland von Phillip Löhle wurde gespielt. Dreizehn junge Menschen im ehemaligen Speisesaal des Rathaus Weißensee. Eine große Bühne und 2 Reihen Stühle ganz nah davor. Scheinwerfer heizten den Raum und als es dann losgehen sollte, nahm ich brav meinen Platz, in der zweiten Reihe links, ein.
Jugendclub, da schwingt bei mir in diesen Tagen etwas bitteres mit, aber trotz meiner eher mittelmäßigen Laune, war ich neugierig was mich hier erwartete. Kaufland. Das ist so ne Supermarktkette. Also wäre der Spielort geklärt. Heute war der Speisesaal, ein Kaufhaus mit Küchen-, Lampen- und Bettenabteilung. Drei Spielebenen, drei mal Bettenabteilung. Links dunkle Kreidetafeln auf dem Boden, in der Mitte ein Bett und rechts Kartons. Im Hintergrund stehen die Spieler, wie Figuren in einem Schaufenster. Bunt + trashig = jugendlich.
Ich verkaufe, also bin ich.
Das Spiel beginnt. Die Protagonisten lösen sich aus den “Schau”fenstern, gehen nacheinander zu einem Mikro im Hintergrund, machen eine typische Kaufhausdurchsage, und setzten sich dann vor die Schaufenster. KostĂĽme schwarz, weiĂź, uniform. Ein Schlips und ein rotes Tuch werden immer dann angelegt, wenn der Schauspieler in eine der Hauptrollen schlĂĽpft. Tibor und Barbara.
Erste Dialoge. Barbara fährt sonst mit Jürgen, der ist aber nicht da. Dann laufen, oder die Monatskarte nutzen?
Hier geht es also nicht um konsumierende Jugendliche.
Die Geschichte im Kauf Land, ist die Geschichte von Angestellten und Kunden. Kunden, die nicht kommen, oder nicht kaufen. Die bedrohte Existenz des Verkäufers, wird langsam demontiert. Erst verschwindet JĂĽrgen, dann werden die Mitarbeiter in andere Abteilungen versetzt und zum Schluss ist Tibor, der Mann aus der Bettenabteilung, alleine. Zwischen Ă„ngsten, Verkaufsstrategien, und den traurigen Versuchen “wie frĂĽher” zu verkaufen, bleibt ein trauriges Bild. Auch die Texte der Spieler bilden einen Kanon, effizient lesen, ĂĽber Wohngeld Anträge hin zu To-Do-Listen und bringen den nötigen Bezug zum Leben in der Gegenwart.
“Ă–konomie des Lebens”
Was bedeutet Leben? Was ist Ökonomie? Wie ökonomisch ist unser Leben?
Diese Fragen lese ich im Programmtext und antworten muss ich groĂźteils selbst, denn auch wenn das Thema der Spielzeit klar getroffen wurde, bleiben Fragen offen. MĂĽssen ja auch immer, aber geht da nicht mehr?
Die Chance eigene Antworten und eigene jugendliche Blickwinkel auf Ă–konomie und Leben zu geben, wurde fĂĽr meinen Geschmack dem Ensemble zu wenig ermöglicht. Kurze prägnante Szenen, 3 Charaktere, 13 mal interpretiert, 2 Gruppenszenen, 90min, 13 kurzen biographischen Monologen – ein ernstes Thema, mit viel Witz und unbeantwortete Fragen, die mich echt interessiert hätten.
Kauf dich glĂĽcklich.
Ich dachte an Karstadt und andere Krisen, an kleine verlassene Boutiquen und EinkaufsstraĂźen.
Die Atmosphäre des StĂĽcks hatte mich gegriffen, ich war bedrĂĽckt und fĂĽhlte teilweise mit, teilweise hatte ich Schwierigkeiten mit dem “wer ist wer”.
Was ich mit nach Hause nahm, waren neue Fragen, Gedanken, Eindrücke und eine Geschichte, die die gebrochene Realität, zwischen Marktwirtschaft und Mensch erzählte.
Ein neues Jahr. Froh würde ich nicht sagen. Eher kalt. Was uns auf den Bühnen dieser Welt erwartet, wissen wir nicht. Wir können nur hingehen und hinsehen. Kein drama? Das wäre schade, denn im Spiegel der Bühnen können wir leben und lernen.
Wie bringe ich ein Buch auf die BĂĽhne, das von berauschend hochgeistigen Mono- und Dialogen lebt?
Das BĂĽhnenbild ist ein Spielfeld, ich glaube ein Basketballfeld. Aus der Ferne sieht man ein Mädchen auf den Zuschauer zulaufen. Ihr Name ist Ada. Vorstellung der Personen; “Höfi” und Smutek – zwei Lehrer. Olaf – MitschĂĽler des Typs “Das System ist ScheiĂźe” und zeitweiliger Kumpel Adas. Adas Mutter – hat den Glauben an die Liebe verloren. Frau Smutek.
Ich sehe, wie die Geschichte ĂĽber die Geschehnisse am Ernst-Bloch Gymnasium erzählt wird. Mittelpunkt ist ein Spiel, das Ada und der Neuling in ihrer Klasse, der fast genauso intelligente Ausländer Alev El Qamar, gegeneinander betreiben. Nachdem Alev Ada in seine Welt der Moralfreiheit und des Pragmatismus, des Verneinens jeglichen Glaubens (“Wir sind die Urenkel der Nihilisten”) und letztlich in die Welt der Sexualität eingefĂĽhrt hat, werden ihre Mitmenschen rĂĽcksichtslos im Gefecht um Geld und Macht von ihnen zu sexuellen Akten gezwungen, erpresst und gedemĂĽtigt.
Am Ende gewinnt Ada.
Ich bin kein Dramaturg und hab wenig Ahnung von den Regeln der Kunst. Aber ich dachte immer, Theater kann Texte durch Wege der Verkörperung auf neue Bewusstseins-Ebenen führen. Hier gab es eine Inhaltsangabe. Wie man es im Fall von Juli Zehs Werk besser anstellen könnte, keine Ahnung. Aber ich will als Zuschauer nicht den Eindruck haben, psychologisch extrem feinfühlige Texte seien nicht weit genug -entwickelten und -durchdachten Figuren in den Mund gelegt, welche meiner Meinung nach ebenfalls nur passiv den Handlungsstrang entlanggezogen werden. Hach, ich fands einfach überhaupt nicht authentisch.
Höfis Gedankengänge, die Beziehung der Mutter Adas zu ihrer Tochter, Frau Smutek, alles schön und gut. Wahrscheinlich interessante Persönlichkeiten für die Menschen, die das Buch nicht gelesen haben. Aber dann würde ich doch gerne Genaueres über diese Persönlichkeiten wissen wollen. Gelebte Geschichten, verkörperte Konflikte. Ich würde es gern sehen, nicht nur hören. Aber um sich Zeit nehmen zu können, muss man Akzente setzen.
Als begeisterter Leser des Buches hat mich eine Änderung des Endes besonders stutzig gemacht. Ada erscheint an einem Freitag nicht mehr in der Turnhalle, um von Alev beim Sex mit Smutek gefilmt zu werden. Smutek und Alev sind allein. Smutek ist dessen Arroganz Leid und er schlägt ihn blutig. Ada gewinnt. Gewinnt man ein Spiel, indem man einfach nicht mehr hingeht? Die Inszenierung lässt an dieser Stelle den gesamten juristischen Aspekt weg. Warum?? Adas Zeugen-Monolog, mit dem sie Smutek die Freiheit schenken kann und Alev verurteilt wird, hätte im Stück perfekten Sinn gemacht. Vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Alev mehrere Male mit Wortlauten verschiedener Gesetzes-Paragraphen um sich schmeißt und das Wissen um diese ihm einen Großteil seiner Sicherheit gibt. Wenn Spieltheorie, dann bitte mit vollständigen Regeln. Das führt wieder zur Frage der Authentizität.