KeinDrama so ein Theater...
7. Jun. 2009

Beispielhaft und Herausragend 09.2

7. Juni 2009 · von keinHamlet · 4 Kommentare

Amoklauf. Mein Kinderspiel.
Für mich DAS Stück des Festivals. Persönlich eben. Hier sind zwei Punkte für mich von großer Bedeutung.

1. Der Gesang – “Man darf sind nicht beklagen, man lebt, man lebt.”
Ein simples Mittel, doch in der Durchführung unglaublich effektvoll. Ich habe eine Workshop besucht letztes Jahr, bei dem ich etwas über Musikalität von Worten gelernt habe. Viel sogar. Danke noch mal Herr Trochelmann, einiges wurde schon in einer anderen Produktion realisiert. ABER was die HOTTEN Leute aus Potsdam da mit mir angestellt haben… Ein Sprechrhythmus, 6 Spieler, im Gegenlicht. “Man darf sich nicht beklagen, man lebt man lebt.”
Was das besondere war, nun, ich schätze viel der Funktionalität lief über die Dauer (10-17min) und die Kontinuität. Der Chor variierte, Tempo und Stimmlagen, Stimmvielfalt und nutzte Pausen. In der Pause ist man kurz erleichtert, gespannt, jetzt geht es weiter! Dann beginnt der Chor von neuem. Die Reaktionen des Publikums: durchwachsen. Einige schliefen ein, andere wurden aggressiv, manche lachten peinlich berührt. Klatschen mitten drin, Ungeduld. Mir taten die Spieler leid, als einige anfingen zu lachen. Mich machte der Text sehr betroffen und nachdenklich. Jemand sagte hinterher: “In mir ist etwas zerbrochen”, konnte aber nicht beschreiben was dieses “etwas” war. Die Doppeldeutigkeit dieser Aussage, diese Dramatik ging mir im Nachgang auf. Ich sag mir selbst: “mir geht es gut, brauch mich nicht beklagen” und das von der Autorität vorgelebte. Nicht beklagen, nicht beklagen, uns geht es doch gut… Ausgelöst wurde genau das Gegenteil. Hinterher wollte ich auf die Barrikaden und mich beklagen. (Leider war der Laptop geklaut, sonst hätte der Brauseboy zur Revolution aufgerufen)

2. Die Erzeugung einer Meta-Ebene, 3D.
Das Stück war zweigeteilt. Mir wurden Gesellschaft gezeigt mit Problemen, ohne Autoritäten, einer daraus resultierenden Jugend mit Problemen, die im zweiten Teil Amok läuft. Der Chor bildete die Brücke zwischen sagen wir Akt 1 und Akt 2. Im Anschluss an den Chor ist etwas passiert auf der Bühne und im Publikum. Die eben noch von Emotionen geprägten Figuren sind analytisch, strukturiert, wirken kühl und abgeklärt. Die Emotionen sind ins Publikum geflossen. Der sich vollziehende Prozess, das planen des Amoklaufs bekommt eine andere Farbe. Was zwischen sozialem Problem und Amoklauf passierte bleibt unbeleuchtet. Bewusst. Jetzt wird der Zuschauer mit auf einen Wandel genommen. Der Amoklauf wird dargestellt im Wandel der Computerspielewelt. Erst Tetresmusik, dann 2D, spielerisch, simpel, deutlich. Die Steigerung folgt, ich finde mich in Counter Strike wieder. Erfahrungswelten kollidieren. Ich höre und sehe ein Spiel, aber ich bin nicht der Akteur, obwohl ich mich wie einer fühle. Die Struktur ist klar, das Ziel auch, der Ablauf, Befehle auf den Ohren sagen mir was passiert. Die Wirkung erzielt durch Sprache und Kostüm. “Roger That.” “Headshot.” Ich überblicke das Geschehen nicht, trotzdem bin ich wie elektrisiert, hoch konzentriert. Die nächste Stufe kommt. Ich werde aus dem Taktikshooter in die nächste Ebene katapultiert. Hier ist kein niedliches 2D Spiel mehr. Mein Puls steigt. Ich bin im Sog: 3D, Spiel live. Es erinnert mich an Battleflied. Nur ich sitze dazwischen. Ich sehe (gedanklich) Gebäude, Bunker, Infanterie, Scharfschützen, sehe überall Feinde. Nebel, Gewehrschüsse, Granaten die explodieren. Es ist eine Reizüberflutung. Das Spiel wird zur Realität, dadurch absurd, grotesk. Erst jetzt bekommt die Gewalt etwas perverses, etwas sinnloses. Das Spiel hört auf Spiel zu sein.
Ich bin gefangen im Theater, für mich wurde es realistischer als jedes Spiel. Anfassbar, greifbar, benutzte es mir vertraute Mittel, eine mir vertraute Metaebene. Bis zu diesem Tag hielt ich es nicht für möglich meine Computerspiele Erfahrungswelt auf der Bühne zu sehen und zu fühlen.
Der Prozentsatz der Computerspielenden Theatermenschen ist wahrscheinlich eher gering, aber welche Bedeutung die Erfahrungswelt des Zuschauers für das Erlebnis Theater hat, wurde mir an diesem Abend besonders bewusst.

Mehr Stimmen zum Stück von der FZ:  LINKLINKLINK

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Kategorie: ttj 2009·

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4 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Max // Jun 7, 2009 um 14:08 Uhr

    Das erste Theaterstück, dass mich zum Weinen gebracht hat.

    Und das uns den TTJ Soundtrack geliefert hat!
    (DJ Paul feat. HOT “Man lebt”)

  • 2 Hamlet // Jun 7, 2009 um 23:37 Uhr

    Paul von Außerhalb ist auch bei Myspace, aber frag mich nicht nach der Seite. Die steht hinten bei der Selbstdarstellung im Programmheft.

  • 3 Alexander // Jun 8, 2009 um 17:24 Uhr

    *uff*
    Der Text hat mich nochmal mitgenommen.

    Danke, Hannes!
    Sehr schön geschrieben.

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  1. Amoklauf mein Kinderspiel – DT Box

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