Der Auftritt ist schon lange vorbei, doch die Rezension kam nicht. Nein, dass Problem war nicht, dass ich sie nicht schrieb, es war nur, dass mir das geschriebene bis heute nicht gefällt. Ich hatte immer irgendwie die Sorge Euch zu beleidigen, oder sonst was falsch zu machen. Dann dachte ich an die Worte: “Sei beim Schreiben ehrlich und umbarmherzig” (von Cameron Crowe, in seinem Film “Almoust Famous”) und ließ es doch wieder sein, da ich dachte: Das bin ICH doch niemals. Doch jetzt stelle ich meine Rezension online und hoffe auf Meinungen.
Anmerkung von Hamlet: Lieber Frieder, dein Artikel hab ich mal drübergelesen, jetzt ist er online. Keine Angst haben, hier beißt keiner und alle freue sich das aus dem Publikum auch mal was schriftliches kommt. Das wünscht sich doch eigentlich jede Theatergruppe. Feedback. Was kommt an, was nicht.
TaGGS – „Mein Kampf“ von Tabori
„Wir haben heraus gefunden wo wir Nazi sind – Alltagsnazis. Zum Beispiel wann wir über den Dönermann lästern.“, sagte Schauspieler Hannes Wolf, „Und das wir Gutmensch sein wollen – Wie Schlomo“.
Das TaGGS führte das Stück auf: „Immer spielt ihr und scherzt! Kampf in 5 Runden“, auch bekannt unter „Mein Kampf“, ein fiktive Geschichte im Männerheim Wien, von Tabori.
Fünf Jungen teilten sich jeweils die Rolle Schlomos, dem Juden, und die des Hitlers. Vielseitig sind die Rollen besetzt. Jeder der Schauspieler interpretiert Schlomo anders, sieht einen Anderen in dem Charakter. Fünfmal ist Hitler auf der Bühne und fünfmal tritt er anders auf. Nur eines haben alle gemeinsam – eindrucksvolle Mimik. Nie kann der Zuschauer müde werden, jeden Schauspieler zu betrachten. Das aus der Not geborene Splitten der Rolle, wurde zu einem gelungen Kunstgriff, welcher aber den Blick vom agierenden Schauspieler weg lenkt. Das Auge müsste alles Beobachten können, es müsste sich splitten können, so wie Schlomo und Hitler auf viele Schauspieler geteilt wurden.
Gott, so wie sich Lobkowitz sieht, schreitet über die Bühne. Zeigt seine Präsens und zieht sich schließlich auf den Thron zurück. Doch er ist Beobachter, vom Kampf zwischen Schlomo Judentum, und Hitler dem Faschismus. Der Kampf wird ohne ihn, ohne Gott, ausgetragen. Er thront über dem Geschehen.
Gretchen, eine Freundin von Schlomo, tritt ins geschehen. Sie muss sich entscheiden, zwischen Schlomo und Hitler. Will sie Schlomo, den Juden, oder Hitler, den Künstler?
Doch noch erwähnte ich nicht alle die auf die Bühne kommen. Die Macht wird neu verteilt, als Fräulein Tod und Frau Tod ins Geschehen eingreifen. Beide Seiten haben eine Chance, aber wer weiß sie zu nutzen?
Und schon naht die letzte Runde. Auf wessen Seite wird Frau Tod stehen?
Eine vortreffliche Bühne haben sie aufgebaut. Das Wiener Männerheim direkt nach Schwerin gebracht. Ihre Bühnengestaltung macht so mancher Inszenierung vom Staatstheater Konkurrenz.
Ein großes Baugerüst stellt die Treppe dar, welche von der Metzgerei herunter führt. Ein paar Betten sind auf den Stufen zur linken positioniert. Andere sind auf Erhöhungen bei der „Treppe“ zu sehen. Im Hintergrund, gut versteckt, liegt eine große Matte, welche wilde Sprünge von der „Metzgerei“ ermöglichen und den Atem stocken lassen. Die Kämpfe, Jagten und Schlachten nehmen die ganze Bühne ein.
Das Stück „Mein Kampf“ von Tabori ist ein Stück über das Böse und Gute – Hitler und Schlomo. Dabei wird Hitler nicht als blutrünstiges Monster dargestellt, sondern als kalt und hilflos. Ein missverstandener Künstler, abgelehnt von der Kunstakademie, sucht er Hilfe bei Schlomo, bei dem Guten. So wie es die Natur des Guten ist, hilft sie dem Bösen. Es ist eine Farce über Liebe, fehlende Gerechtigkeit und Leidenschaft.
Tabori ist gebürtiger, jüdischer Ungare. In seinem Leben ließ er Hollywood auch nicht aus, doch ist in seinen späten Werken ist keine Schädigung durch diese Filmproduktionsstätte zu bemerken. Seine letzten Jahre verbrachte er in Deutschland, welche zu den wichtigsten seines Lebens zählen und ihn zum größten Vertreter der Schauspielkunst machen.
Sein Werk „Mein Kampf“ ist provokative. Auch die TaGGS schreckte davor nicht zurück den Hitlergruß und Hakenkreuze auf die Bühne zu bringen. Sie spielten ein Stück mit Gesellschaftskritik und rückten dies aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Diese Vorgänge, so ein Schauspieler, seien überall zu beobachten.
Ein Schauspieler übertrifft den Anderen und dennoch gehen einige Schauspieler in der Masse unter. Nur wenige Schauspieler bleiben in Erinnerung des Zuschauers. Die Rollen aufzuteilen war zum einen ein Kunstgriff, zum anderen ein aus der Not geborene Notwendigkeit, alle Schauspieler unter zu bekommen. So bringt es nicht nur Vorteile mit sich.
„Wir haben keine strenge Regie. Wir werden geleitet und lassen uns treiben. Jeder lernt von dem Anderen und jeder erweitert sein Bewusstsein“, so die TaGGS.

3 Antworten bis jetzt ↓
1 holzen // Jun 11, 2009 um 15:07 Uhr
Naja, aus der Not geboren war das Rollensplitting nicht wirklich!
Es war erste Grundlage des Konzeptes für die Bühne, weil alle die beiden Superrollen spielen wollten (außer Tim, der wollte GOTT sein)! Insofern kann man wohl nicht von Not sprechen ( wenndoch, dann ist Raum- und Bühnengröße, Höhe des Budjets usw. mindestens ebenso große Not, und da haben wir doch allerbeste Bedingungen, auch gegenüber allen Profis, die nun mal für Gage spielen müssen ,ätsch-wir nicht!)
Das Splitting schafft die Möglichkeit , gruppen gegeneinander antreten zu lassen. Und das ist das wichtigste Aktualisierungsmoment der Inszenierung. Deshalb seh ich das Splitting eher als Den Glücksgriff der Produktion!
2 Hamlet // Jun 16, 2009 um 23:22 Uhr
Jemand, den ich kenne meinte immer so schön: “Das ist alt wie Seinkohle.”
3 Frieder // Jun 17, 2009 um 21:55 Uhr
OK. Das mit dem Splitting habe ich dann falsch verstanden. Jmd von Euch hatte gesagt, dass irgendwie jeden Schauspieler unterbringen müsst. Also für jeden eine Rolle finden.
Das klang für mich so, als ob es halt schwer ist ein Stück mit genügend Rollen für jeden Schauspieler raus zu suchen, welches ihr auch noch spielen möchtet. Und daher schloss ich das es aus der Not geborgen wurde.
Ich entschuldige mich für diesen Fehler. Danke das du es mir noch mal beschrieben hast.
Grüße
Frieder
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