Wöbbelin, bei Ludwigslust, in Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleiner Ort mit einer Gedenkstätte bezüglich des ehemaligen Konzentrationslagers Wöbbelin. Ort einer Fachtagung zur Thematik „Wie und wann konfrontiere ich Kinder und Jugendliche mit der Problematik der NS-Zeit und des Holocaust?“. Versammelt hatten sich Pädagogen und Vertreter von Zentren, die sich mit der Aufklärung und der Informierung der Bevölkerung zu diesem Thema beschäftigen. Und zu diesem Anlass wurde unsere Theatergruppe TaGGS gebeten, etwas zu ihren Projekten zu sagen, die sich um diese Thematik drehen. Da unsere Spielleiterin plötzlich krank ist, fahren wir also zu dritt nach Wöbbelin und stellen das abgespielte „Memorial“, das aktuelle „Adressat unbekannt“ und unsere Jahresproduktion „Immer spielt ihr und scherzt. Kamp in 5 Runden“ vor. Im ersten haben vier Mädels von TaGGS mit dem Tanztheater „Lysistrate“ zusammengearbeitet. Ich erkläre die Herangehensweise fürs Stück, wie wir zu unseren Texten kamen, dass wir viel mit Symbolen gearbeitet und die eigentliche Geschichtsdarstellung übernommen haben, während die Lysis für die Emotionen „zuständig“ waren. Während ich den Anwesenden einen Ausschnitt auf DVD vorspiele, bekomme ich wieder Gänsehaut. Das Konzept funktioniert immer noch. Den Tagungsteilnehmern scheint es genauso zu gehen. Ich berichte im Anschluss, was es für einen Unterschied macht, ob man vor Schülern oder vor ehemaligen Inhaftierten spielt, was es für einen bleibenden Eindruck hinterlässt, wenn sich 30 polnische Frauen unter Tränen bei einem bedanken… Schließlich komme ich auf die Frage zu sprechen, was der Vorteil an der Herangehensweise des Theaterspielens ist. Ich erkläre, dass es neben Geschichte schlicht und ergreifend noch viele andere Fächer gibt und man sich daher nicht mehr so sehr auf die Inhalte des aktuellen Fachs konzentriert – insbesondere wenn im Anschluss eine Mathe-Arbeit oder dergleichen droht. Man weiß also als durchschnittlicher Schüler: DAMALS war das ECHT schlimm… und so… mit den Juden, mein ich… echt schlimm. Es kommt aber letztlich nicht mehr an, bei dem Schüler. Es berührt ihn nicht, schockiert nicht, macht ihn nicht traurig. Er schreibt es in seinen Hefter und versucht noch aus dem Lehrer rauszukitzeln, ob er die eben notierten Daten für die nächste Arbeit braucht um sie anderenfalls zu vergessen. Beim Theater ist das anders. Zunächst sitzt man nicht mit einer großen Anzahl Mitschüler vor einem Lehrer und lässt sich berieseln. Die Spielleitung erklärt die Thematik und die Bitte, die an unsere Gruppe herangetragen wurde. Dann melden sich Freiwillige, die sich dem Thema auf andere Weise nähern wollen als nur mit dem Schulbuch. Dann wird das Material verteilt und dran gearbeitet. Gekürzt, variiert, wiederholt, zusammengetragen, neugeschrieben. Auf diese Weise beschäftigt man sich zwangsweise viel intensiver mit den einzelnen Schicksalen. In diesem Stück ging es um 3 Menschen: zwei Opfer, ein Befreier. Man erlebt das Leid dieser Menschen völlig anders. Es sind nicht mehr DIE OPFER. Es ist der Belgier Victor Malbeque, der Deutsche Erich Kari, der Amerikaner Larry C. Garly. Die Opfer bekommen Gesichter, sie sind nicht mehr namenlos, keine graue Masse. Das stimmt einen traurig; das muss es einfach. Aber die Zeit um sich so ausführlich mit den einzelnen Schicksalen auseinanderzusetzen hat der Geschichtslehrer kaum bis gar nicht. Die Zuhörer nicken bedächtig. Ich übergebe an die anderen zwei, da ich zu „Adressat unbekannt“ nichts sagen kann. Sie machen das ganz hervorragend! Erläutern ebenfalls die Herangehensweise, Motive und Symbole der szenischen Lesung, berichten wie es war vor Betroffenen zu spielen und zeigen einen Ausschnitt auf DVD. Ich runde das ganze noch ab, und stelle unsere Version der Farce „Mein Kampf“ von Tabori vor. Der 5. Akt erscheint auf dem Bildschirm. Ich erzähle über den Schlomo und den Hitler, der in jedem steckt, sage etwas zur Stückwahl, zur Arbeitsweise und bin damit auch schon am Ende. Das „Publikum“ bedankt sich vielmals bei uns drein. Und dann geht es zurück nach Schwerin. Hoffentlich werden sich jetzt mehr Schüler auf diese Art und Weise mit diesem großen Thema beschäftigen können.
Ein theaterpädagogischer Ansatz
25. Juni 2009 · von Claudi · 1 Kommentar
Tags: Theaterpädagogik, Wöbbelin
Kategorie: Backstage·

1 Antwort bis jetzt ↓
1 Hamlet // Jul 1, 2009 um 09:17 Uhr
Das ist ein unglaublich faszinierender Aspekt am Theater. Man kann Themen eine neue Ebene geben, sie von einer anderen Seite und neue Aspekte betrachten. Die AuĂźeinandersetzung erfolgt so:
beim Spieler (persönlich/unter Spielern/mit Publikum) und dann
beim Publikum (mit dem Spieler/zwischen dem Publikum/persönlich).
Ich finde das muss man sich mal vor Augen fĂĽhren.
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