KeinDrama so ein Theater...
21. Dez. 2009

Spieltrieb

21. Dezember 2009 · von Toast · 3 Kommentare

Wie bringe ich ein Buch auf die Bühne, das von berauschend hochgeistigen Mono- und Dialogen lebt?

Das Bühnenbild ist ein Spielfeld, ich glaube ein Basketballfeld. Aus der Ferne sieht man ein Mädchen auf den Zuschauer zulaufen. Ihr Name ist Ada. Vorstellung der Personen; “Höfi” und Smutek – zwei Lehrer. Olaf – Mitschüler des Typs “Das System ist Scheiße” und zeitweiliger Kumpel Adas. Adas Mutter – hat den Glauben an die Liebe verloren.  Frau Smutek.

Ich sehe, wie die Geschichte über die Geschehnisse am Ernst-Bloch Gymnasium erzählt wird. Mittelpunkt ist ein Spiel, das Ada und der Neuling in ihrer Klasse, der fast genauso intelligente Ausländer Alev El Qamar, gegeneinander betreiben. Nachdem Alev Ada in seine Welt der Moralfreiheit und des Pragmatismus, des Verneinens jeglichen Glaubens (“Wir sind die Urenkel der Nihilisten”) und letztlich in die Welt der Sexualität eingeführt hat, werden ihre Mitmenschen rücksichtslos im Gefecht um Geld und Macht von ihnen zu sexuellen Akten gezwungen, erpresst und gedemütigt.

Am Ende gewinnt Ada.

Ich bin kein Dramaturg und hab wenig Ahnung von den Regeln der Kunst. Aber ich dachte immer, Theater kann Texte durch Wege der Verkörperung auf neue Bewusstseins-Ebenen führen.  Hier gab es eine Inhaltsangabe. Wie man es im Fall von Juli Zehs Werk besser anstellen könnte, keine Ahnung. Aber ich will als Zuschauer nicht den Eindruck haben, psychologisch extrem feinfühlige Texte seien nicht weit genug -entwickelten und -durchdachten  Figuren in den Mund gelegt, welche meiner Meinung nach ebenfalls nur passiv den Handlungsstrang entlanggezogen werden. Hach, ich fands einfach überhaupt nicht authentisch.

Höfis Gedankengänge, die Beziehung der Mutter Adas zu ihrer Tochter, Frau Smutek, alles schön und gut. Wahrscheinlich interessante Persönlichkeiten für die Menschen, die das Buch nicht gelesen haben. Aber dann würde ich doch gerne Genaueres über diese Persönlichkeiten wissen wollen. Gelebte Geschichten, verkörperte Konflikte. Ich würde es gern sehen, nicht nur hören. Aber um sich Zeit nehmen zu können, muss man Akzente setzen.

Als begeisterter Leser des Buches hat mich eine Änderung des Endes besonders stutzig gemacht. Ada erscheint an einem Freitag nicht mehr in der Turnhalle, um von Alev beim Sex mit Smutek gefilmt zu werden. Smutek und Alev sind allein. Smutek ist dessen Arroganz Leid und er schlägt ihn blutig. Ada gewinnt. Gewinnt man ein Spiel, indem man einfach nicht mehr hingeht? Die Inszenierung lässt an dieser Stelle den gesamten juristischen Aspekt weg. Warum?? Adas Zeugen-Monolog, mit dem sie Smutek die Freiheit schenken kann und Alev verurteilt wird, hätte im Stück perfekten Sinn gemacht. Vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Alev mehrere Male mit Wortlauten verschiedener Gesetzes-Paragraphen um sich schmeißt und das Wissen um diese ihm einen Großteil seiner Sicherheit gibt. Wenn Spieltheorie, dann bitte mit vollständigen Regeln. Das führt wieder zur Frage der Authentizität.

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Kategorie: Bericht·

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3 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 keinHamlet // Dez 22, 2009 um 01:33 Uhr

    Wer hat den von den Schauspielern überzeugt? Wer hat denn Regie und Dramaturgie gemacht?

    Klingt sehr entäuschend, schade für dich! Dabei hat Theater ja gerade interessante Mittel, die zum Beispiel eine Buchverfilmung nie erreicht… (mal laut gedacht)

  • 2 Toast // Dez 22, 2009 um 01:50 Uhr

    Gottfried Richter und Brigitte Peters waren gut.
    Den Alev (Florian Anderer) fand ich einigen Stellen auch echt super gespielt.

    Inszenierung: Peter Kube
    Dramaturgie: Ralph Reichel

  • 3 Frieder // Jan 2, 2010 um 20:53 Uhr

    Ein Buch zu visualisieren ist immer eine Wagnis – kann schnell entäuschen. Schade, dass es wieder geschehen ist.

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