- Premiere von John Gabriel Borkman (Henrik Ibsen) am 27.03.2010 am Deutschen Nationaltheater Weimar -
Zum Glück haben wir die Wirtschaftkrise: Die bietet Erklärung für jedes Aua-Aua am Herzen und an der Seele und füllt ganz nebenbei den Spielplan. Weil es doch sonst immer so schwierig ist, die richtigen Geschichten auszuwählen. Die Geschichten, die man erzählen möchte.
Die Geschichte von John Gabriel Borkman (Detlef Heintze), der Ibsens vorletztem Stück den Titel gibt, wollte das DNT Weimar jedenfalls deswegen erzählen, weil er doch mal Bankdirektor war. Das nur geworden ist, weil er bereit war, für diese Stelle seine große Liebe Ella (Elke Wieditz) zu opfern. Eine andere zu heiraten. Ihre Schwester, um genau zu sein. Und dann hat er auch noch die ihm anvertrauten Gelder zum Kauf von Aktien eingesetzt – ohne das Wissen seiner Kunden. Schließlich wollte er doch ein Wirtschaftsimperium aufbauen! Stattdessen kommt er wegen Veruntreuung für fünf Jahre ins Gefängnis. Ella zieht in dieser Zeit Borkmans Sohn Erhart (Christian Ehrich) auf und versorgt seine Frau – ihre Schwester – finanziell. Als Borkman entlassen wird, zieht er sich völlig zurück. Von seiner Frau, seinem Sohn, der Gesellschaft; lebt acht Jahre lang ganz allein in der oberen Etage seines Wohnhauses. Und an dieser Stelle setzt das Stück ein. Das jetzt so fabelhaft zum Thema Wirtschaftskrise passt! Oder nicht?
Es ist ein Trugschluss: Nicht jeder Text, in dem das Wort „Bank“ vorkommt, beschreibt, was die Wirtschaft mit den Menschen macht. In John Gabriel Borkman geht es darum, wie eine Familie mit Schande umgeht. Mit dem gesellschaftlichen und finanziellen Verfall. Mit einem Verbrecher als Familienoberhaupt. Es geht darum, wie die Hoffnungen und Ziele einzelner Familienmitglieder miteinander verknüpft sind, wie Erwartungen entstehen – und Enttäuschung.
Borkmans Frau Gunhild (Petra Hartung) hatte sich ein anderes Leben erträumt. Nicht in der Abhängigkeit ihrer Schwester, nicht im Schatten eines Ex-Sträflings. Ihr Sohn soll für Rehabilitierung sorgen. Des Vaters. Der Familie. Es ist ihre und seine „Mission“. Zumindest aus ihrer Sicht. Denn Erhart taumelt zwischen der Gleichgültigkeit des Vaters, der Über-Inanspruchnahme der Mutter, seinen eigenen Träumen und der Sehnsucht seiner Tante, seiner Ziehmutter Ella nach Liebe. Denn die kehrt nach all den Jahren in das Borkman-Haus zurück, um von John Gabriel zu erfahren, warum er sie damals verlassen hat, und um ihre letzten Lebensmonate mit Erhart zu verbringen. Dem einzigen Menschen, den sie noch zu lieben fähig ist. Sie will, dass er ihren Namen annimmt (damit auch den der Mutter) und ihr einziger Erbe wird.
Sie wird enttäuscht: Erhart verlässt seine Mutter, seinen Vater, auch sie selbst, denn er will das Glück. „Ob für kurz oder lang ist egal. Ich will nicht arbeiten, ich will leben! Ich bin jung!“ Zu jung, um sich einer Mission zu verschreiben, die nicht die eigene ist, sondern die der Mutter oder die der Tante. Denn auch darum geht es in Ibsens Stück: um das Phänomen, dass Menschen bereit sein können, alles für eine Mission aufzugeben, ihre Mission. Und so kommt es dann, dass manche Menschen vielleicht auch Liebe und Glück gegen Macht und Geld eintauschen. Weil sie hoffen, darin Erfüllung zu finden: als Bankdirektor, mit einem Wirtschaftsimperium.
Regisseur Urs Troller und Dramaturg Hans-Peter Frings stellen mit ihrer Inszenierung die These auf, dass es durch eben ein solches Verhalten zur Wirtschaftskrise kommen konnte. Und vielleicht stimmt das auch. Aber sie übersehen, dass Ibsen mit seinem Stück eigentlich etwas Anderes, Allgemeineres erzählt: Dass dem Menschen das Streben nach Selbstverwirklichung manchmal über alles geht. Jedenfalls über seine Familie, über die Menschen, die man liebt, und damit am Ende – unwissentlich – auch über sich selbst. Und genau das zeigen die Figuren John Gabriel, Gunhild, Ella und auch Erhart jede mit ihrer eigenen Geschichte. Und dabei kommen sie bis auf den titelgebenden Protagonisten auch ganz gut ohne Wirtschaft, Geld und Bank aus. Weil diese drei Dinge eben doch nicht Ursprung allen Übels sind. Vielleicht: leider. Denn dadurch wird es nicht leichter.
Aber wie es eben meistens ist: Ein Text ist oft klĂĽger als der Autor, ein StĂĽck manchmal klĂĽger als die, die es in Szene setzen. Und das ist auch ĂĽberhaupt nicht schlimm. Und so inszeniert Urs Troller John Gabriel Borkman instinktiv so, wie es dem StĂĽck am besten tut: in seiner ganzen Privatheit, mit dem Fokus auf die Familie, die einzelnen Chraktere. Er arbeitet ihre Psyche heraus, ihre Ă„ngste, ihre WĂĽnsche, ihren Antrieb. Er macht die Verlorenheit der Figuren fĂĽr den Zuschauer so spĂĽrbar, dass es kaum zum Aushalten ist. Man beneidet die Spieler, die auf der BĂĽhne Mäntel und Jacken tragen, wie zum Schutz gegen die Kälte um sie herum, in ihren Herzen. Man möchte auch zur Garderobe gehen und seinen Mantel holen, um eben diese Kälte nicht spĂĽren zu mĂĽssen, wenn Ella John Gabriel vorwirft: “Du hast die TodsĂĽnde begangen. Du bist ein Mörder: Du hast die Liebe in mir getötet.”
Es sind Detlef Heintze und Elke Wieditz, die dem StĂĽck seine Tiefe verleihen. Mit den kleinsten Gesten, den kleinsten Ă„nderungen der Tonlage, nur einem Hauch, einem Vibrieren, machen sie die groĂźe Liebe spĂĽrbar, die da zerbrochen ist. Und das ganz ohne Kitsch, ganz ohne Abgeschmacktheit. Man glaubt ihnen diese verlorene Liebe nicht, man spĂĽrt sie. Und da verzeiht man den anderen Spielern, Petra Hartung oder Christian Ehrich, auch viel eher, dass sie ihre Rollen viel weniger ausfĂĽllen, höchstens annehmen, und vielleicht nicht berĂĽhren, aber immerhin ĂĽberzeugen: Man hält es aus. Denn dann kommt ja wieder die groĂźe Schlussszene, in der Ella und John Gabriel einander ganz kurz an den Händen halten, ganz kurz vereint sind, bevor er in einer letzten Wahnvorstellung von seinem Finanzimperium dahin scheidet. Allein. Und einsam. Wie eben alle Figuren in Ibsens StĂĽck. Diese Szene gehörte zu den groĂźen Momenten auf der BĂĽhne des Weimarer Nationaltheaters. Und letztendlich sind es doch diese Momente, an die man sich erinnert, wenn in der Garderobe längst kein Mantel mehr hängt.Â
Lydia Dimitrow
Alle weiteren Infos zum Stück und Theater unter www.nationaltheater-weimar.de. Nächste Termine: 01./11.04. und 15./30.05..

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