Amoklauf mein Kinderspiel (Thomas Freyer) am 06.04.10 in der Box des Deutschen Theater. Regie: Felicitas Brucker.
Drei Jugendliche, die keine Namen haben, aber Geschichten.  Geschichten und – Rollen. Jeder ist mal jemand Anderes: die Mutter, der Vater, die andere Mutter, der Schulhausmeister, der Lehrer, die Direktorin. Man erzählt seine Geschichte, indem man in Rollen schlüpft, die anderen auf der Bühne in Rollen schlüpfen lässt, indem man einen Hauskittel anzieht, eine Gitarre in die Hand nimmt, einen Apfel wirft. Nichts ist statisch, nichts ist fest, alles ist Spiel. Ernstes Spiel. Denn da auf der Bühne geht es um Überdruss, um Verlorenheit und Suche, um Auflehnung und Resignation; es geht um Kotzen nach dem Essen, Gewalt gegen andere, Gewalt gegen sich selbst – eine Scherbe durchtrennt die Haut am Knie: „Das Blut ist warm, wie Haut unter der Decke.“
Wie eine Scherbe, die Haut durchtrennt, kommt einem auch der Text von Thomas Freyer vor. Es gibt kein Entrinnen, man kann sich nicht entziehen – nicht dieser sehr genauen Sprache, die immer an der richtigen Stelle ansetzt, nicht ihrer ganzen Brutalität, der Wucht, mit der der Zuschauer von ihr, von dem Stück getroffen wird. Amoklauf mein Kinderspiel ist kein angenehmes Stück. Man fühlt sich nicht wohl, keine Minute. Man möchte die Augen schließen, vielleicht noch viel lieber die Ohren, man möchte alles stoppen, nicht wissen, wo es hinführt, nicht wissen, wie es dazu kam. Das Spielerische, das Leichte kommt einem so unpassend vor in Anbetracht der fast schon grausigen Verlorenheit der Figuren, dass man es kaum aushält. Die Verspieltheit zieht einem den Boden unter den Füßen weg, weil sie genau eins nicht erlaubt: Betroffenheit. Und ist Betroffenheit nicht das, was wir bei einem Amoklauf vor allem empfinden, empfinden wollen? Vielleicht auch noch Wut. Aber bei diesem Stück kommt keine Wut auf, auch kein Mitleid, nicht für die drei Jugendlichen, nicht für ihre Eltern, nicht für die Lehrer. Denn man kennt diese Jugendlichen. Die ein Hakenkreuz an die Schulmauer schmieren. Die heute keinen Hunger haben. Die Angst vor Mathe haben. Und man kennt auch diese Eltern, die fragen: „Was ist denn los?“, die Handtücher im OTTO-Katalog bestellen, die heute Abend mal wieder fernsehen. Und wir kennen diese Lehrer, ihre Ratschläge, ihre Ermahnungen. Und genau deswegen wird es einem in diesem Stück so oft so mulmig zumute: Weil man so viel von dem, was da auf der Bühne erzählt wird, kennt. Und es dadurch so nah ist.
Das ist eine der großen Stärken des Stücks: Die Figuren, ihre Sprache wirken authentisch und sind trotzdem in hohem Maße durchkonstruiert und poetisch. Dass das aber so deutlich wird, dass jedes Wort trifft, ist an diesem Abend vor allem den Spielern (Gabór Biedermann, Olivia Gräser und Ole Lagerpusch) zu verdanken. Sie arbeiten den Text heraus in seiner ganzen Klarheit, in seiner ganzen Scherbenschärfe und spielen wunderbar leicht miteinander, ihren vielen Rollen und all den Requisiten, die sich in der übermächtig scheinenden Schrankwand verbergen. Von den Spielern werden sie zutage gefördert, jedesmal wie zufällig, und dann fliegen die Äpfel, die Ordner, die Schals.
Gabór Biedermann und Olivia Gräser machen ihre Sache gut, wenn sie schreien oder flüstern oder singen. Man nimmt ihnen ab, was sie da verkörpern, ohne zu zögern. Aber Ole Lagerpusch nimmt man nichts ab – keinen Moment zweifelt man daran, dass er all das IST, was er da darstellt. Selten sieht man auf den Berliner Theaterbühnen einen Schauspieler, der so schnell, so überzeugend seinen Ausdruck wechseln kann, der mit seiner Mimik arbeitet, als sei sie Knete, dem die Augen zucken können, die Hände, dann wieder lacht der die Zuschauer aus, Selbstsicherheit in seinem Blick, in seiner Haltung: Er IST jede Nuance seiner Rollen, in die er von einer Minute zur anderen schlüpfen kann. Wenn die Box des DT nicht so intim wäre, man wäre beim Schlussapplaus aufgesprungen und hätte geschrien: Bravo!
Wenn die Box des DT nicht so intim wäre. Und wenn einem nach diesem Stück das Schlucken nicht so schwerfiele.
Lydia Dimitrow
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