KeinDrama so ein Theater...
13. Mai. 2010

12. Lange Buchnacht in der Oranienstraße

13. Mai 2010 · von Lydia Dimitrow · 1 Kommentar

Ja, Berlin steht auf lange Nächte. Und ganz besonders eben auf lange Kulturnächte.

Schon zum 12. Mal widmeten Kreuzberger Buchhändler und Gastwirte eine ganze Nacht den Autoren, Kulturschaffenden der Welt – na ja, zumindest Deutschlands – und natürlich vor allem: dem Publikum. So konnte man am 8. Mai 2010 von 14.00-01.00 Uhr mit freiem Eintritt an rund 50 Orten diverse Lesungen, Präsentationen, Vorträge; Kulturveranstaltungen erleben, und dabei gleich das Kreuzberg rund um das Kottbusser Tor ein wenig näher kennen lernen. Denn die Orte waren vielfältig: von sämtlichen Kneipen und Bars in der Oranienstraße und unmittelbarer Umgebung, über Eiscafés und Kindergärten, Bibliotheken und Bücherläden, Feuerwehrwagen und Kino bis hin zum Kreuzberg Museum und dem legendären SO 36 beteiligte sich wohl jeder Ort rund um die Oraninestraße, der auch nur annähernd Platz für ein Publikum bieten könnte. So vielfältig wie die Veranstaltungsorte waren dann auch die Veranstaltungen selbst: Es gab Musik und Film, Büchertausch und Bildpräsentationen, es lasen Autoren und auch ganze Lesebühnen, Lyrik, Szenen, Geschichten, es wurde geslamt und gesungen, gezeigt und gefragt, signiert und gekauft. Man konnte viel Neues entdecken auf dieser langen Buchnacht, aber auch altbekannte Gesichter endlich mal wieder live sehen.

Aber – man musste zusammenrücken in dieser Nacht, mehr als einmal, denn nicht jede Kreuzberger Bar hat Platz für mehr als fünfzig Gäste, auch nicht jeder Buchladen, und nicht immer reichte der Blick durch die Fensterscheibe. Trotzdem blieb man manchmal draußen stehen, um eben doch etwas hören zu können, oder man stand zwischen Kuchenvitrine und Toilette, aber oft musste man auch einfach einen geplanten Programmpunkt von der Liste streichen, weil es absolut kein Reinkommen mehr gab. Dann hieß es: Spontan Sein und Weiterziehen. Und nichts fiel einem leichter auf dieser Buchnacht als dies, denn letztendlich gehörte auch dieses Weiterziehen, Umschwenken, Reinquetschen, Durch-Türen-Hören zu den Dingen, die dieser langen Nacht ihren ganz besonderen Charme verliehen. Diesen familiären Rumpel-Charme, durch den sich niemand ausgeschlossen fühlt – auch wenn man manchmal einfach nicht mehr reingepasst hat. Es ist vor allem genau dieser Charme, dieses besondere Gemeinschaftsgefühl mit Entdecker-und-Erlebnis-Hauch, der die 12. Lange Buchnacht in der Oranienstraße dann von anderen langen Nächten Berlins unterscheidet – und so sympathisch macht.

Vielleicht ist Charme auch das falsche Wort, vielleicht sollte man eher von einer ganz besonderen Magie sprechen, die dieser Abend hatte, eine Magie, die zum Beispiel im eis36 (Adalbertstraße 96) zu spüren war. Das Eiscafé regte mit seiner Aktion “My book ist your book and your book is mine!” zu einem ganz besonderen Büchertausch an. Mybook anstelle von myspace. Da saß ein runzliger Flamenco-Gitarren-Opa unter einer Troddel-Stehlampe und spielte und sang, und wenn er nicht sang, dann rezitierte der Runzel-Opa neben ihm spanische Texte zu der Flamenco-Musik, während man seine alten oder ungeliebten oder doppelt vorhandenen Bücher gegen neue Schätze tauschte. Schätze in allen möglichen Sprachen zu allen denkbaren Themen. Wenn das nicht magisch ist.

Wo wir schon bei 36 sind: Ein besondere Zufluchtsort wurde an diesem Abend übrigens das SO36 (Oranienstraße 190), das ob seiner Größe jeden Woanders-nicht-Reingekommenen noch aufnehmen konnte und mit seinem Fast-Ohne-Pausen-Programm auch einiges zu bieten hatte. So las dort zum Beispiel Knud Kohr aus seinem Roman In Cuxhaven, in denen Geschichten von Zahnspangendosen klauenden Jungs und Eierlikör trinkenden Tanten erzählt werden, Geschichten von Kindheit, von alten Versprechen, Heimkehr und natürlich auch von der Liebe, und das alles in manchmal komischen, manchmal ernsten Ton, aber immer wunderbar leicht und sehr unterhaltsam.

Auch unterhaltsam, aber weniger leicht ging es zu, als Barbara Yelin ihre Graphic Novel Gift (zusammen mit Peer Meter) in Wort und Bild im Comic-Laden Modern Graphics (Oranienstraße 22) vorstellte. Es geht in diesem historischen Roman im Comic-Gewand nämlich um die Giftmörderin Gesche Gottfried, die in Bremen Anfang des 19. Jahrhunderts 15 (!) Menschen mit Mäusebutter ermordet hat. Auch wenn die Zeichnerin sich selbst und diesen historischen Stoff nur allzu ernst nahm und zum Teil geradezu pedantisch Entstehungsumstände des Comic-Bands sowie historische Hintergründe referierte, konnte bei den Zuhörern trotzdem keine trübe Stimmung aufkommen; wie auch – wenn man neben gefühlten tausend anderen Besuchern auch noch von Barbapapa & Co. umgeben ist.

Absoluter Höhepunkt der langen Buchnacht war auch an Modern Graphics geknüpft: Auf der Straße, vor den Schaufenstern des Comicladen spielte um 24.00 Uhr OMP – das Orchestre Miniature in the Park. Und das unter strengen Vorgaben: Es wurden nur Kinderinstrumente benutzt (Kindergitarre, Kinderbass, Triola, Kinderschlagzeug, Kinderschellenreif, Kinderblockflöte, Kindersaxophon, Kinderxylophon…) und in allen gecoverten Songs mussten die Wörter “Sonne” oder “Sommer” vorkommen. Es war ein Fest! Mit besten Chorgesängen aller Barbershop, einem extrovertieren Frontsänger, engagierten Musikern trotz Kinderinstrumente und einem Repertoire von Cream bis Tocotronic rockte dieses OMP die Nacht – zum Mitsingen, zum Mittanzen. Dieser Sack voll Musiker boten den buchstäblichen krönenden Abschluss für diese 12. lange Buchnacht.

Wer in diesem Jahr nicht dabei sein konnte – am 14. Mai 2011 wird die 13. lange Buchnacht in der Oranienstraße stattfinden. Wer dann nicht dabei sein kann – ist selber schuld. Denn diese lange Nacht wird sicher eine der schönsten Nächte des Jahres sein.

Lydia Dimitrow.

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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Lisanne // Mai 14, 2010 um 00:06 Uhr

    Von Barbara Yellin haben sie neulich auch in der Kulturzeit (glaub ich) gesprochen bzw. einen Beitrag über ihr(en) Graphic Novel gebracht. Da war sie auch schon so. :)

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