KeinDrama so ein Theater...
8. Jun. 2010

Hedda Gabler in der Schaubühne

8. Juni 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare

Hedda Gabler ist eine echte Inkarnation des Bösen. Und ist es nicht interessant: Wann immer man auf eine solche in weiblicher Form stößt, sei es in der Literatur, im Film, im Theater, so ist es doch meistens eine, die der vollen Weiblichkeit entspricht – falls es so etwas überhaupt gibt –, die ihre erotischen Reize zur Waffe macht, immer oszillierend zwischen Eros und Thanatos. Gefährlich und sexy. Oder: Gefährlich, weil sexy. So sind die weiblichen Bösen der Kulturgeschichte.

Erfrischend spröde dagegen erscheint dem Zuschauer die Hedda Gabler der Schaubühne. Katharina Schüttler hat alles Warme – und eben auch alles Heiße – aus ihrer Figur verbannt: Sie ist die Inkarnation des Bösen, weil sie mit jeder Faser ihres Körpers Kühle, Härte und Gleichgültigkeit gegen andere verkörpert – und das selbst beim Anbandeln mit dem Anwalt ihres Mannes, bei der Wiederbegegnung mit ihrem Früher-mal-Geliebtem. Sie scheint resistent gegen die Gefühle und Schicksale ihrer Mitmenschen, kann weder für Mann noch potentiellen Geliebten noch Freundin Mitleid aufbringen.  

In charmanten Gegensatz zu ihr setzt sich gekonnt Lars Eidinger, der als Heddas Mann seine Figur die volle Harmlosigkeit verkörpern lässt. Jörgen Gabler, ein aufstrebender Historiker mit Professuraussicht, ist ich-bezogen und verblendet; obwohl seine ganze Sorge seiner Frau, ihrem Wohlbefinden und der gemeinsamen Zukunft gilt, ist er doch nicht in der Lage, Heddas wahren Charakter und ihre wahren Bedürfnisse zu erkennen. Er jagt Idealbildern nach, hält Illusionen aufrecht, ohne Sinn für die Realität, ohne zu merken, dass seine Ehe auf Lügen aufgebaut ist. Und dabei spielt Eidinger diesen Jörgen so wunderbar naiv, unendlich unbedarft, unendlich gutherzig.

Trotz dieser eindeutig scheinenden Sympathieverteilung gelingt es Regisseur Thomas Ostermeier in seiner klugen Inszenierung, das Gleichgewicht zu halten. Er macht dem Zuschauer das Urteilen schwer, denn in diesem Stück von Henrik Ibsen trägt jede Figur eine Teilschuld. Sie alle leben in ihren Scheinwelten mit ihren Scheinwahrheiten, belügen sich selbst und benutzen andere, um ihre Lügen aufrecht erhalten zu können. Sie schaffen Abhängigkeiten, um sich selbst Konsistenz zu geben. Es geht um Macht und um die Frage nach Aufrichtigkeit.

Den Darstellern gelingt es sehr gut, diese Themen herauszukristallisieren und den Text immer wieder stärker zu spielen, als er in dieser furchtbaren und unpassend modernisierten Fassung, die die Schaubühne präsentiert, eigentlich ist. Man sieht den Figuren dabei zu, wie sie einander und sich selbst zugrunde richten, und das zu lakonischer Beach-Boys-Musik: „I may not alwyas love you/ but long as there are stars above you“. Und: „God only knows, what I’d be without you.“

Zum Schluss weiß auch der Zuschauer, what he’d be without her: Hedda erschießt sich, Jörgen bleibt zurück. Die Inszenierung unterstellt: mit altem Freund und alter Tante, vielversprechendem Buchprojekt und neuer Freundin in Aussicht. Das wirkt frech sarkastisch in Anbetracht dessen, was in den letzten zwei Stunden da auf dieser wunderbaren Drehbühne mit Spiegeleinsatz und Videoprojektionen alles kaputt gegangen ist. In Beziehungen. In Menschen. Aber vielleicht – ist es ja im wirklichen Leben manchmal tatsächlich so.

Lydia Dimitrow

“Hedda Gabler” in der Schaubühne am Lehniner Platz. Gesehen am 05.06.10. Weitere Infornationen hier.

Tags: , , ,

Kategorie: Allgemein·

Verwandte Beiträge

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare. Bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar