Kurzfilm: Der Fischer oder Copy Shock
28. April 2010 · von Toast · Keine Kommentare
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2. Lange Nacht der Opern und Theater
13. April 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare
Letztes Jahr, letztes Jahr war es so schön, dass dieses Jahr alle noch mal wollten und noch mehr wollten, und so konnte man dann am 10. April 2010 die 2. Lange Nacht der Opern und Theater in Berlin erleben. Und? Es war wieder schön. So schön!
Man hatte die Auswahl zwischen 68 Bühnen auf acht verschiedenen Bus-Shuttle-Routen,  konnte die ganz großen Häuser besuchen, die kleinen und noch kleineren kennen lernen, und Berlin als Theater-Stadt neu entdecken. Das Programm umfasste von Theater, Tanz und Performance bis zu Konzert, Lesung und Mitmach-Angeboten wahrscheinlich alles, was man sich auf Bühnen so vorstellen kann. Was man dann davon tatsächlich in dieser Nacht erlebt hat, hat man entweder dem Zufall überlassen oder genauestens geplant oder beides, möglich war jedenfalls alles: mit Minuten-Zeitplänen zum Theaterglück oder sich einfach treiben lassen, mitnehmen lassen vom Dramastrom. Das Programm war vielfältig, sorgfältig zusammengestellt, übersichtlich aufgeführt im mit der Karte erhaltenen Programmheft, gut zu erschließen dank Shuttle-Service, und man hatte in dieser Nacht das Gefühl, dass alle so offen waren, nicht nur die Besucher für neue Erfahrungen und neue Orte, sondern auch die Veranstalter für neue Besucher und neue Möglichkeiten, stolz auf das eigene Haus und das eigene Programm, jedenfalls so offen… Freundliches Service-Personal überall, das einem das Programm und den Weg über Treppen in Säle erklärt hat, enthusiastische Moderatoren, sprühende Künstler. Dass die Nacht für alle Beteiligten lang war, war jedenfalls niemandem anzumerken. Da war nur dieses Gefühl von Offenheit und Gemeinsamkeit, im Foyer beim Warten, im Theatersaal beim Zugucken, in der U-Bahn beim Im-Programmheft-Blättern.
Ja, es war schön. Wenn eine ganze Stadt Theater atmet. Schade, dass es nicht jede Nacht so ist. So müssen wir bis zum nächsten Jahr warten. Aber das macht ja nichts, denn bis dahin haben wir wenigstens genug Zeit, um uns alles anzusehen, was wir am letzten Samstag nicht geschafft haben, und überall noch mal hinzugehen, wo es uns gefallen hat. Also ist es vielleicht doch ganz gut, dass die Lange Nacht der Opern und Theater nur einmal im Jahr stattfindet. Sonst wären wir ja nur noch im Theater.
Lydia Dimitrow
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Eine Lange Nacht der Opern und Theater…
13. April 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare
… eine von vielen.
19:00 THEATER AN DER PARKAUE: Staatsballett Berlin zu Gast im Theater an der Parkaue
Zuerst war man doch etwas verwirrt: Im Programm stand doch etwas von „Schneewittchen – mit den Mitteln des modernen Tanzes wird das alte Märchen neu erzählt“? Und wo war man da gelandet? Da waren keine Zwerge und kein Prinz, da war nur eine Frau in schlabbriger Kleidung mit Mikro vorm Mund, die ein paar Tänzern in Trainingskleidung Begriffe wie „Pas de Bourré“ und „Changement“ zurief und dabei selbst auch gleich mal mittanzte. Aufgeregtes Blättern im Programmheft: Ach, da stand es ja – „Lecture Demonstration mit Solisten und Corps de Ballet“. Was das Staatsballet einem da bot, war weniger ein Blick auf die Bühne, als ein Blick hinter die Kulissen. Und gerade das machte es dann auch so besonders. Die Frau mit dem Mikro vorm Mund konnte nämlich eine ganze Menge erklären: über die Beschaffenheit des Bodens, den Aufbau eines Trainings, die Schwierigkeiten und Freuden eines Balletttänzers und natürlich auch die einzelnen Bewegungen und Posen – und das alles sehr sympathisch und angenehm locker. Und Schneewittchen kam ja dann auch noch auf die Bühne – in Form einer öffentlichen Probe verschiedener Szenen, mal mit, mal ohne Musik, immer mit Erläuterungen, diesmal von einer anderen Dame, die das Ganze aber eben so informativ und sympathisch gestaltete wie die erste. Die Demonstration des Staatsballetts entpuppte sich als Highlight für alle Freunde oder auch Noch-nicht-Kenner des Balletts und machte Lust auf mehr. Und wenn man jetzt das nächste Mal in einem Ballett sitzt, hat man bestimmt noch die beiden Damen im Ohr – und fühlt sich ein bisschen wie ein Insider.
21:00 THEATER AM POTSADAMER PLATZ: Dirty Dancing
Die schönsten Szenen aus Dirty Dancing sollten einem da geboten werden. Und das wurden sie auch: Von der Wassermelonen-Szene über das erste Tanz-Training bis zur legendären „Mein Baby gehört zu mir“-Stelle war alles dabei. Und hinterließ nichts als den einen Gedanken: Da guckt man sich lieber den Film an. Denn auf dieser Bühne wurden einem lieblose, hektische und viel zu überladene Choreographien geboten, uninteressante Bühnenbilder, mittelmäßige Sänger und kaum zu ertragene Schauspieler. Übertreibung und Überspitzung, bis kein Quäntchen Natürlichkeit mehr übrig bleibt, bis nichts mehr authentisch oder echt wirkt, bis nichts mehr berührt. Da bleibt man lieber bei Patrick und Jennifer und auf dem heimischen Sofa.
22:00 SOPHIENSAELE: Die längste Nacht mit Turbo Pascal
Wer noch nie in den Sophiensälen war, der musste sich an diesem Abend einfach verlieben. In den rau-romantischen, provisorischen Charme dieses Aufführungsortes, des historischen Gemäuers des ehemaligen Handwerkervereinshauses in der Sophienstraße. Die Performance-Gruppe Turbo Pascal leitete ihr Programm auch gleich mit einer grüppchenweisen Führung durch den Festsaal ein. Da wurden einem die Notausgänge erklärt, schließlich ist hier alles aus Holz, und wenn der Mob einmal in Bewegung ist… Da wurde einem erklärt, an welchem Punkt der Gegenwart wir uns befinden, und was sich von da entwickeln kann, dann wurde man platziert. Und weiter geht die Performance. Das Programmheft versprach: „Turbo Pascal erfindet unterschiedliche Szenarien für eine lange Nacht im Festsaal der Sophiensäle oder unterwegs in Berlin: düstere, romantische oder revolutionäre Szenarien, die man am nächsten Morgen wieder vergessen möchte oder auch nicht.“ Düster wurde es tatsächlich, nämlich in Form eines vorgetäuschten Stromausfalls im Festsaal, Romantik kam aber irgendwie so gar nicht auf (trotz Dunkelheit), und von Revolution oder revolutionärem Lüftchen möchte man dann auch nicht reden. Das Szenario, das Turbo Pascal da erfand, war dann das folgende: Stromausfall, auweia, können wir jetzt gar nicht raus aus dem Festsaal (dieser Zusammenhang blieb übrigens so vage, wie er jetzt erscheint), müssen wir schnell Licht mit unseren Handys machen und Essen einsammeln und Trinken, hui ist das lustig, dann lesen wir noch aus einem Buch einer Zuschauerin, damit es beim Kulturprogramm bleibt, dann geht das Licht wieder an und alle werden entlassen, hui ist das lustig. Was ist Performance? Eine gute Performance bringt die Zuschauer aus dem Konzept, lässt sie sich unsicher und unwohl fühlen, bindet sie so ein, dass sie sich nicht entziehen können, lässt sie durcheinander geschüttelt und im besten Fall aufgerüttelt zurückbleiben – auf jeden Fall nachdenklich. Bei dieser Performance von Turbo Pascal war allerdings alles so vorhersehbar, so unaufregend, so allbekannt – es ließ einen schlichtweg kalt. Das war eine ganz nette Comedy-Performance, einigermaßen unterhaltsam, aber am Ende doch – belanglos.
23:30 KOMISCHE OPER BERLIN: Die schönsten Operntode II
Ja, die Komische Oper kommt in letzter Zeit auf diesem Blog wohl immer gut weg, und so auch in diesem Beitrag: Es war ein Highlight. Die Solisten Erika Roos (Sopran), Jan Martinik (Bass) und David Williams (Bariton) präsentierten ihre Lieblingsarien zum Thema Tod zu einer Klavierbegleitung und sympathisch altmodischen Bühnenbild mit Sarg, Schädel und Kerzen, bevor Erika Roos und Jan Martinik zusammen mit Adrian Strooper und Elisabeth Starzinger noch einen Part aus Mozarts Requiem sangen. Durch den Abend führte ein freundlich enthusiastischer Moderator, der neben Informationen zu Werken und Sängern auch einige Kalauer parat hatte, und den Abend auf den Punkt brachte: „Nirgendwo wird so schön gestorben wie in der Oper.“ Nein, nirgendwo. Denn tatsächlich gestorben ist an diesem Abend nur Erika Roos (David Williams besang zum Beispiel Papagenos halbherzige Selbstmorddrohungen, die ja dann durch das unverhoffte Auftauchen Papagenas zerschlagen werden), und das war tatsächlich unbeschreiblich schön. So einen Sopran hört man wohl selten auf den Berliner Bühnen: Sie sang so klar, so sauber, dabei aber so unverkrampft und locker-leicht, wie es sein sollte. Da wurde kein Ton gequetscht, herausgepresst, nichts, wirklich nichts war von all der Anstrengung zu hören, die es kostet, solche Höhen zu erreichen, wie sie Erika Roos an diesem Abend erreicht hat: Es war einer meiner schönsten Opern-Momente. Wenn es Menschen gibt, die in der Oper weinen müssen, weil es so schön ist – an diesem Abend konnte man sie verstehen. So saß man mit aufgestellten Arm- und Nackenhaaren in den Opernsessel verkrampft und wollte, dass es nie, nie aufhört, dass sie nie, nie stirbt diese wunderbare Sopranistin, dass sie immer weitersingt, dass diese Lange Nacht zur längsten aller Nächte wird – man wurde enttäuscht. Irgendwann erdolchte sie sich selbst. Um dann für tosenden Applaus wieder aufzuerstehen. Ein Applaus, der vielleicht nicht nur diesen Arien in der Komischen Oper galt – sondern einer ganzen Langen Nacht.
Lydia Dimitrow
Alles zur 2. Langen Nacht der Opern und Theater findet man hier.
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Der Amoklauf in der Box
9. April 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare
Amoklauf mein Kinderspiel (Thomas Freyer) am 06.04.10 in der Box des Deutschen Theater. Regie: Felicitas Brucker.
Drei Jugendliche, die keine Namen haben, aber Geschichten.  Geschichten und – Rollen. Jeder ist mal jemand Anderes: die Mutter, der Vater, die andere Mutter, der Schulhausmeister, der Lehrer, die Direktorin. Man erzählt seine Geschichte, indem man in Rollen schlüpft, die anderen auf der Bühne in Rollen schlüpfen lässt, indem man einen Hauskittel anzieht, eine Gitarre in die Hand nimmt, einen Apfel wirft. Nichts ist statisch, nichts ist fest, alles ist Spiel. Ernstes Spiel. Denn da auf der Bühne geht es um Überdruss, um Verlorenheit und Suche, um Auflehnung und Resignation; es geht um Kotzen nach dem Essen, Gewalt gegen andere, Gewalt gegen sich selbst – eine Scherbe durchtrennt die Haut am Knie: „Das Blut ist warm, wie Haut unter der Decke.“
Wie eine Scherbe, die Haut durchtrennt, kommt einem auch der Text von Thomas Freyer vor. Es gibt kein Entrinnen, man kann sich nicht entziehen – nicht dieser sehr genauen Sprache, die immer an der richtigen Stelle ansetzt, nicht ihrer ganzen Brutalität, der Wucht, mit der der Zuschauer von ihr, von dem Stück getroffen wird. Amoklauf mein Kinderspiel ist kein angenehmes Stück. Man fühlt sich nicht wohl, keine Minute. Man möchte die Augen schließen, vielleicht noch viel lieber die Ohren, man möchte alles stoppen, nicht wissen, wo es hinführt, nicht wissen, wie es dazu kam. Das Spielerische, das Leichte kommt einem so unpassend vor in Anbetracht der fast schon grausigen Verlorenheit der Figuren, dass man es kaum aushält. Die Verspieltheit zieht einem den Boden unter den Füßen weg, weil sie genau eins nicht erlaubt: Betroffenheit. Und ist Betroffenheit nicht das, was wir bei einem Amoklauf vor allem empfinden, empfinden wollen? Vielleicht auch noch Wut. Aber bei diesem Stück kommt keine Wut auf, auch kein Mitleid, nicht für die drei Jugendlichen, nicht für ihre Eltern, nicht für die Lehrer. Denn man kennt diese Jugendlichen. Die ein Hakenkreuz an die Schulmauer schmieren. Die heute keinen Hunger haben. Die Angst vor Mathe haben. Und man kennt auch diese Eltern, die fragen: „Was ist denn los?“, die Handtücher im OTTO-Katalog bestellen, die heute Abend mal wieder fernsehen. Und wir kennen diese Lehrer, ihre Ratschläge, ihre Ermahnungen. Und genau deswegen wird es einem in diesem Stück so oft so mulmig zumute: Weil man so viel von dem, was da auf der Bühne erzählt wird, kennt. Und es dadurch so nah ist.
Das ist eine der großen Stärken des Stücks: Die Figuren, ihre Sprache wirken authentisch und sind trotzdem in hohem Maße durchkonstruiert und poetisch. Dass das aber so deutlich wird, dass jedes Wort trifft, ist an diesem Abend vor allem den Spielern (Gabór Biedermann, Olivia Gräser und Ole Lagerpusch) zu verdanken. Sie arbeiten den Text heraus in seiner ganzen Klarheit, in seiner ganzen Scherbenschärfe und spielen wunderbar leicht miteinander, ihren vielen Rollen und all den Requisiten, die sich in der übermächtig scheinenden Schrankwand verbergen. Von den Spielern werden sie zutage gefördert, jedesmal wie zufällig, und dann fliegen die Äpfel, die Ordner, die Schals.
Gabór Biedermann und Olivia Gräser machen ihre Sache gut, wenn sie schreien oder flüstern oder singen. Man nimmt ihnen ab, was sie da verkörpern, ohne zu zögern. Aber Ole Lagerpusch nimmt man nichts ab – keinen Moment zweifelt man daran, dass er all das IST, was er da darstellt. Selten sieht man auf den Berliner Theaterbühnen einen Schauspieler, der so schnell, so überzeugend seinen Ausdruck wechseln kann, der mit seiner Mimik arbeitet, als sei sie Knete, dem die Augen zucken können, die Hände, dann wieder lacht der die Zuschauer aus, Selbstsicherheit in seinem Blick, in seiner Haltung: Er IST jede Nuance seiner Rollen, in die er von einer Minute zur anderen schlüpfen kann. Wenn die Box des DT nicht so intim wäre, man wäre beim Schlussapplaus aufgesprungen und hätte geschrien: Bravo!
Wenn die Box des DT nicht so intim wäre. Und wenn einem nach diesem Stück das Schlucken nicht so schwerfiele.
Lydia Dimitrow
Alle Infos zum StĂĽck und weitere Termine findet man hier.
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Amoklauf mein Kinderspiel – DT Box
9. April 2010 · von keinHamlet · Keine Kommentare
Noch ist das Blatt leer. Gedanken, an einen Abend in der Box vom DT, an 3 Schauspieler, die einem Text leben gaben, füllen langsam meinen Kopf. Viel könnte ich schreiben, wenig werde ich, so viel steht fest.
Zeit, MuĂźe und Gedanken an andere Dinge sind in meinem Kopf. Das Highlight, war Ole Lagerpusch, der mich auch als Jago schon fesselte. Ihm gelang es wieder mich zu begeistern und mit hinein zu nehmen in GefĂĽhle und traurige Geschichten.
Die Handlung von Thomas Freyers StĂĽck “Amoklauf mein Kinderspiel” war mir bekannt. Beim TTJ 09 durfte ich mich schon einmal schocken lassen. “Man darf sich nicht beklagen, man lebt.” ist bis heute in meinem Ohr. Jetzt wieder präsenter. Gravierende Unterschiede sind natĂĽrlich, das alter der Darsteller und das Inszenierung “Konzept” gewesen. Drei Schauspieler, geschliffener, exakter Text, der einem Schauer auf den RĂĽcken jagte… Bedrohung, die sich durch explodierende Ă„pfel, fliegende Ordner und Strichmännchenprojektionen herstellte. Die nummerierten Gewaltgeschichten fĂĽhrten zum unbarmherzige Todeslauf, wobei weniger Kausalität relevant war, sondern sich eher das GefĂĽhl des Auswegslosigkeit und Benommenheit herstellte. Die Frage nach dem „warum“ ist immer da, schnell finden wir viele Schuldige, viele Antworten, aber wir bleiben dann dabei stehen und gehen weiter, ohne etwas zu verändern. Dieses StĂĽck bricht ein unheilvolles Schweigen und kann der Auftakt einer gesellschaftlichen Diskussion sein.
Leider habe ich das GefĂĽhl, es ist in unserer medialisierte Welt, oft jeder zu eingenommen sich noch zu unterhalten, oder wir fĂĽhlen uns den Gegebenheiten gegenĂĽber machtlos. (“Man darf sich nicht beklagen, man lebt.”)
Wo sollen wir den Hebel ansetzen?
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Premiere im Deutschen Nationaltheater Weimar
30. März 2010 · von Lydia Dimitrow · 1 Kommentar
- Premiere von John Gabriel Borkman (Henrik Ibsen) am 27.03.2010 am Deutschen Nationaltheater Weimar -
Zum Glück haben wir die Wirtschaftkrise: Die bietet Erklärung für jedes Aua-Aua am Herzen und an der Seele und füllt ganz nebenbei den Spielplan. Weil es doch sonst immer so schwierig ist, die richtigen Geschichten auszuwählen. Die Geschichten, die man erzählen möchte.
Die Geschichte von John Gabriel Borkman (Detlef Heintze), der Ibsens vorletztem Stück den Titel gibt, wollte das DNT Weimar jedenfalls deswegen erzählen, weil er doch mal Bankdirektor war. Das nur geworden ist, weil er bereit war, für diese Stelle seine große Liebe Ella (Elke Wieditz) zu opfern. Eine andere zu heiraten. Ihre Schwester, um genau zu sein. Und dann hat er auch noch die ihm anvertrauten Gelder zum Kauf von Aktien eingesetzt – ohne das Wissen seiner Kunden. Schließlich wollte er doch ein Wirtschaftsimperium aufbauen! Stattdessen kommt er wegen Veruntreuung für fünf Jahre ins Gefängnis. Ella zieht in dieser Zeit Borkmans Sohn Erhart (Christian Ehrich) auf und versorgt seine Frau – ihre Schwester – finanziell. Als Borkman entlassen wird, zieht er sich völlig zurück. Von seiner Frau, seinem Sohn, der Gesellschaft; lebt acht Jahre lang ganz allein in der oberen Etage seines Wohnhauses. Und an dieser Stelle setzt das Stück ein. Das jetzt so fabelhaft zum Thema Wirtschaftskrise passt! Oder nicht?
Es ist ein Trugschluss: Nicht jeder Text, in dem das Wort „Bank“ vorkommt, beschreibt, was die Wirtschaft mit den Menschen macht. In John Gabriel Borkman geht es darum, wie eine Familie mit Schande umgeht. Mit dem gesellschaftlichen und finanziellen Verfall. Mit einem Verbrecher als Familienoberhaupt. Es geht darum, wie die Hoffnungen und Ziele einzelner Familienmitglieder miteinander verknüpft sind, wie Erwartungen entstehen – und Enttäuschung.
Borkmans Frau Gunhild (Petra Hartung) hatte sich ein anderes Leben erträumt. Nicht in der Abhängigkeit ihrer Schwester, nicht im Schatten eines Ex-Sträflings. Ihr Sohn soll für Rehabilitierung sorgen. Des Vaters. Der Familie. Es ist ihre und seine „Mission“. Zumindest aus ihrer Sicht. Denn Erhart taumelt zwischen der Gleichgültigkeit des Vaters, der Über-Inanspruchnahme der Mutter, seinen eigenen Träumen und der Sehnsucht seiner Tante, seiner Ziehmutter Ella nach Liebe. Denn die kehrt nach all den Jahren in das Borkman-Haus zurück, um von John Gabriel zu erfahren, warum er sie damals verlassen hat, und um ihre letzten Lebensmonate mit Erhart zu verbringen. Dem einzigen Menschen, den sie noch zu lieben fähig ist. Sie will, dass er ihren Namen annimmt (damit auch den der Mutter) und ihr einziger Erbe wird.
Sie wird enttäuscht: Erhart verlässt seine Mutter, seinen Vater, auch sie selbst, denn er will das Glück. „Ob für kurz oder lang ist egal. Ich will nicht arbeiten, ich will leben! Ich bin jung!“ Zu jung, um sich einer Mission zu verschreiben, die nicht die eigene ist, sondern die der Mutter oder die der Tante. Denn auch darum geht es in Ibsens Stück: um das Phänomen, dass Menschen bereit sein können, alles für eine Mission aufzugeben, ihre Mission. Und so kommt es dann, dass manche Menschen vielleicht auch Liebe und Glück gegen Macht und Geld eintauschen. Weil sie hoffen, darin Erfüllung zu finden: als Bankdirektor, mit einem Wirtschaftsimperium.
Regisseur Urs Troller und Dramaturg Hans-Peter Frings stellen mit ihrer Inszenierung die These auf, dass es durch eben ein solches Verhalten zur Wirtschaftskrise kommen konnte. Und vielleicht stimmt das auch. Aber sie übersehen, dass Ibsen mit seinem Stück eigentlich etwas Anderes, Allgemeineres erzählt: Dass dem Menschen das Streben nach Selbstverwirklichung manchmal über alles geht. Jedenfalls über seine Familie, über die Menschen, die man liebt, und damit am Ende – unwissentlich – auch über sich selbst. Und genau das zeigen die Figuren John Gabriel, Gunhild, Ella und auch Erhart jede mit ihrer eigenen Geschichte. Und dabei kommen sie bis auf den titelgebenden Protagonisten auch ganz gut ohne Wirtschaft, Geld und Bank aus. Weil diese drei Dinge eben doch nicht Ursprung allen Übels sind. Vielleicht: leider. Denn dadurch wird es nicht leichter.
Aber wie es eben meistens ist: Ein Text ist oft klĂĽger als der Autor, ein StĂĽck manchmal klĂĽger als die, die es in Szene setzen. Und das ist auch ĂĽberhaupt nicht schlimm. Und so inszeniert Urs Troller John Gabriel Borkman instinktiv so, wie es dem StĂĽck am besten tut: in seiner ganzen Privatheit, mit dem Fokus auf die Familie, die einzelnen Chraktere. Er arbeitet ihre Psyche heraus, ihre Ă„ngste, ihre WĂĽnsche, ihren Antrieb. Er macht die Verlorenheit der Figuren fĂĽr den Zuschauer so spĂĽrbar, dass es kaum zum Aushalten ist. Man beneidet die Spieler, die auf der BĂĽhne Mäntel und Jacken tragen, wie zum Schutz gegen die Kälte um sie herum, in ihren Herzen. Man möchte auch zur Garderobe gehen und seinen Mantel holen, um eben diese Kälte nicht spĂĽren zu mĂĽssen, wenn Ella John Gabriel vorwirft: “Du hast die TodsĂĽnde begangen. Du bist ein Mörder: Du hast die Liebe in mir getötet.”
Es sind Detlef Heintze und Elke Wieditz, die dem StĂĽck seine Tiefe verleihen. Mit den kleinsten Gesten, den kleinsten Ă„nderungen der Tonlage, nur einem Hauch, einem Vibrieren, machen sie die groĂźe Liebe spĂĽrbar, die da zerbrochen ist. Und das ganz ohne Kitsch, ganz ohne Abgeschmacktheit. Man glaubt ihnen diese verlorene Liebe nicht, man spĂĽrt sie. Und da verzeiht man den anderen Spielern, Petra Hartung oder Christian Ehrich, auch viel eher, dass sie ihre Rollen viel weniger ausfĂĽllen, höchstens annehmen, und vielleicht nicht berĂĽhren, aber immerhin ĂĽberzeugen: Man hält es aus. Denn dann kommt ja wieder die groĂźe Schlussszene, in der Ella und John Gabriel einander ganz kurz an den Händen halten, ganz kurz vereint sind, bevor er in einer letzten Wahnvorstellung von seinem Finanzimperium dahin scheidet. Allein. Und einsam. Wie eben alle Figuren in Ibsens StĂĽck. Diese Szene gehörte zu den groĂźen Momenten auf der BĂĽhne des Weimarer Nationaltheaters. Und letztendlich sind es doch diese Momente, an die man sich erinnert, wenn in der Garderobe längst kein Mantel mehr hängt.Â
Lydia Dimitrow
Alle weiteren Infos zum Stück und Theater unter www.nationaltheater-weimar.de. Nächste Termine: 01./11.04. und 15./30.05..
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Die Dukes Of Windsor im Magnet
7. März 2010 · von Lydia Dimitrow · 2 Kommentare
Die Dukes of Windsor im MAGNET – das ist wirklich kein Drama, aber warum nicht auch mal ein Konzert besprechen? Vor allem, wenn es um eine Band mit einem so besonderen Lokalkolorit geht: Die fünfköpfige Band bestehend aus Oscar Dawson, Joe Franklin, Scott Targett, Jack Weaving  und Mirra Seigerman hat im Dezember 2009 ihr sonniges Australien verlassen und ist geschlossen in die coolste Stad der Welt gezogen – Berlin. Mindestens seitdem laufen auch die Berliner Radios bei dem Dukes-Song It’s A War heiß.
Weniger heiß lief gestern leider das Berliner Publikum im MAGNET (der übrigens noch diesen Monat die Greifswalder Straße verlässt!). Bei der Dukes-Vorband The Intersphere war das auch mehr als verständlich. Pseudo-cooler Emotional-Rock à la Muse (oder wer weiß, bei wem sich die Band versucht hat, leidende Rocker-Posen abzugucken), der in erster Linie unecht und aufgesetzt wirkte und die Beine so gar nicht zum Tanzen verführen wollte. Das könnte auch daran gelegen haben, das im Grunde ein Song wie der andere klang; und 45 Minuten zu einem einzigen Song tanzen will ja nun wirklich niemand – es sei denn vielleicht, es ist ein Doors-Song. Türen haben The Intersphere aber gestern eher geschlossen: Türen zum Mittanzen, zum Mitpogen, zum Mitrocken – zum Mitgehen.
Warum das Publikum bei den Dukes Of Windsor dann aber eine ziemlich zähe Masse blieb, ist dann wohl doch eher ein Rätsel des Berliner Nachtlebens: für mich ungelöst. Tanzende Menschen waren jedenfalls nur vereinzelt anzutreffen, vor allem wenn Mit-dem-Kopf-Wippen-und-mit-den-Zehen-Wackeln nicht zählt, von Pogo ganz zu schweigen. An den Dukes lag das aber nicht, die lieferten nämliche eine enthusiastische, überzeugende Show ab. Mit neuen Songs und gut bekannten Singles (It’s A War als dritter Song des Abends), mit authentischen und gar nicht ausgelatschten Rocker-Posen kamen sie musikalisch auf den Punkt, boten mehr, als eine myspace-Seite bieten kann, und waren dabei so sympathisch!
Diese Sympathien hatte die Band vor allem Sänger Jack Weaving zu verdanken (der beim Tanzen immer ein bisschen aussieht, als würde er durch den Görlitzer Park joggen), und das obwohl er fast gegen Ende erklären musste: „Ich bist krank.“ Da wurde er auch gleich von Gitarrist Oscar Dawson korrigiert: „Ich bin krank, du bist krank. Und Jack ist ein Dummkopf.“ Klar. Bei einmal die Woche Volkshochschule muss man mit seinen frischen Deutschkenntnissen auch mal ein bisschen angeben können… Sie meinen es eben ernst mit ihrem neuen Zuhause.
Und das ist in gewisser Weise auch ihr Kapital: Die Dukes Of Windsor sind keine besonders innovative oder einzigartige Band, deren Alben man all seinen Freunden zu Weihnachten schenken will. Sie bieten einfach soliden Indie-Rock zum Tanzen, zum Spaß haben, zum Abgehen. Und sind eben vor allem eins: sympathisch. Deswegen bleiben sie auch auf jeden Fall ein Tipp für alle Berliner, die für nicht ganz so viel Geld (gestern: Ticket 8€) ein gutes Rockkonzert erleben wollen. Und nebenbei eben auch ein bisschen Verliebt-in-Berlin.
Lydia Dimitrow
Noch mehr Infos zu den Dukes of Windsor: zum Hören auf myspace.
Und dann noch ihr Blog:Â (genauso sympathisch wie die Band selbst).
→ 2 KommentareKategorie: Bericht
Ein Highlight in der Komischen Oper – Brechts Mahagonny
7. März 2010 · von Lydia Dimitrow · 2 Kommentare
Der Aufstieg und der Fall der Stadt Mahagonny – ein Stück, dass seine Geschichte schon im Titel trägt. In Brechts Oper werden verschiedene Lebensmodelle, die in einer Stadt verwirklicht werden könnten (oder werden?), vorgeführt.
Mahagonny soll eine Alternative zu den großen Städten sein, zu all dem Rauch, dem Schmutz, der Arbeit. Mahagonny soll Vergnügen bieten, eine Paradiesstadt sein. Man will Ruhe und Eintracht: Es werden Whiskey, Mädchen und Boxkämpfe geboten, dafür wird bezahlt und man hält sich an Regeln. Man macht keinen Lärm. Man schont die Stühle. Aber dieses Konzept der Überregulierung scheitert: Langeweile kommt auf, und richtiges Glück stellt sich auch nicht ein. Aus dieser Situation führt Jim Mahoney, der in der Nacht, in der die Stadt von einem Hurrikan bedroht wird, die „Gesetze der Glückseligkeit“ findet; die bestehenden Regeln werden aufgehoben, der neue Leitsatz lautet: Du darfst! „Wir brauchen keinen Taifun!/ Denn was er an Schrecken tun kann/… das können wir selber tun!“ Aber auch dieser Versuch der extremen Deregulierung scheitert: Die Stadt endet im Chaos und in der Anarchie, Jim Mahoney wird hingerichtet, weil er kein Geld mehr hat. Fazit: Ein Leben in der Stadt scheint unmöglich, ebenso wie Liebe und Freundschaft in einer Welt, die vom Geld bestimmt wird.
Und dieses StĂĽck kam nun in der Komischen Oper auf die BĂĽhne, am 04.03.10 leider zum letzten Mal in dieser Spielzeit.
Ein Brecht-Stück tatsächlich in einer Oper zu sehen, nicht mit Schauspielern, sondern mit Opernsängern wirkt anfangs etwas befremdlich. Aber dann gewöhnt man sich schnell an die Dauer-Präsenz der Orchestermusik und an die (wirklich fast ausschließlich) gesungenen Texte. Im Prinzip würde auch keine Form besser passen zu dem von Brecht gewählten Stoff: Wirkliche Kommunikation gibt es in Mahagonny nicht. Die fast einzigen wirklichen Dialoge sind Verhandlungen. Ansonsten bleibt jeder mit sich allein, und wie könnte man das besser verdeutlichen als mit den Mitteln der Oper? Denn Gesang isoliert Figuren meistens voneinander, legt den Fokus aus den Einzelnen, nicht das Gemeinsame. Wichtige Ausnahme bildet hier natürlich jede Form des Chorgesangs. Und die Chöre, die Robert Heimann dem Publikum hier bietet, vor allem die Männerchöre, gehören zweifelsohne zu den Höhepunkten des Abends.
Ansonsten sind gesangliche Höhepunkte (wie oft in den Berliner Opern) an diesem Opern-Abend rar gesät. Aber die Sänger hätten auch heiser sein können oder alle Töne verfehlen – es hätte fast nichts ausgemacht. Denn diese Inszenierung von Brechts Oper durch Andreas Homoki ist eine so kluge, so wohldurchdachte, dass der Abend so oder so zum Fest wird. Bühnenbild, Kostüme, die Projektion von Brechts Regieanweisungen, Requisiten, die Spieler werden der Textvorlage so gerecht, dass es fast unheimlich ist. Auf jeden Fall: unheimlich gut. Besonders in der zweiten Mahagonny-Phase kann man sich kaum sattsehen an all der Völlerei und Wollust, den bonbonfarbenen Glitzer-Kleidern und Schimmer-Sakkos; selbst das wahrlich verbrauchte Bild des Geld-in-die-Luft-Werfens wirkt nicht verbraucht, sondern echt. Man sieht Stadtbewohnern dabei zu, wie sie in ihren Untergang gehen, und es schaudert einen. Jims Freund Jakob frisst sich zu Tode. Die projizierte Regieanweisung lautet: Er fällt tot um. Aber Jakob fällt nicht tot um: Er bricht in Lachen aus. Das ist das wahre Grauen.
Mit solchen klugen Regieeinfällen macht Andreas Homoki seine Inszenierung vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu einer herausragend gelungenen. Die einzige Frage, die man wohl stellen könnte, ist, warum sich Dramaturg Werner Hintze für die Textfassung von 1930 entschieden hat, obwohl Brecht später seine Oper (wie die meisten seiner Stücke) noch einmal überarbeitet und aktualisiert hat. In seiner Fassung von 1955 entfällt der starke Amerika-Bezug, was die Geschichte Mahagonnys übertragbarer und allgemeingültiger werden lässt, während auch etwas hinzu kommt: Hoffnung. Am Ende erkennt Jim Mahoney (der da allerdings Paul Ackermann heißt), dass das Glück, was er in Mahagonny gefunden hat, kein echtes Glück war. Denn Freiheit kann man nicht kaufen. Wo Erkenntnis möglich ist, da besteht Hoffnung. Eine Hoffnung, die in der Inszenierung der Komischen Oper fehlt. Aber das ist vielleicht gar nicht so schlimm – wo doch schon so viele andere Hoffnungen an diesem Abend erfüllt worden sind. Zum Beispiel die Hoffnung auf einen gelungenen Opernabend. Was zu hoffen bleibt – dass das Stück so bald wie möglich wieder in den Spielplan aufgenommen wird.
Lydia Dimitrow
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in der Komischen Oper Berlin – Infos und Video Hier.
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Andorra im Berliner Ensemble
2. März 2010 · von Lydia Dimitrow · Keine Kommentare
Am 21. Februar 2010 postet keinHamlet das Zitat des Tages: „Die meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben“ (Max Frisch). Wie passend also, dass man am 23.02.10 dann bei der Inszenierung von Frischs Andorra im Berliner Ensemble dabei sein konnte. Wer da aber Dabeisein mit Erleben verwechselt hat, waren wohl weniger die Zuschauer als vielmehr die Spieler. Leider. Raum für Erleben blieb jedenfalls auf keiner der beiden Seiten vom Bühnenrand.
Andorra – altbekannter Stoff zumindest für Berliner Schüler. Es geht um einen Juden, der gar keiner ist, aber irgendwann anfängt, die ihm zugeschriebene Rolle anzunehmen; es geht um Wahrheit, Identität, Schuld; um ein schneeweißes Andorra, das sich von den „Schwarzen“ bedroht fühlt, aber letztendlich selbst seine weißen Mauern rot färbt.
Frisch dekliniert in diesem Stück seinen Leitsatz „Du sollst dir kein Bildnis machen“ bis zum (bitteren) Ende durch: In Andorra führt das Bildnis Machen zum Tod. Zu Tod, Zerstörung, Wahnsinn. Auf der Bühne des Berliner Ensembles führt es allerdings nur zu einer oberflächlichen und belanglosen Inszenierung. Denn den Satz „Du sollst dir kein Bildnis machen“ hat sich Spielleiter Claus Peymann ganz offensichtlich nicht zu Herzen genommen. Frischs deutliche Figurenzeichnung mutiert bei Peymanns Spielern zu holzschnittartiger Oberflächlichkeit.
Zum Glück trägt der Soldat (Georgios Tsivanoglou), der Barblin (Judith Strößenreuter) bedrängt und Andri (Thomas Niehaus) schikaniert, Springerstiefel und eine unvorteilhaft sitzende Camouflage-Hose, sonst hätte man ihn ja nicht als Soldat erkannt! Zum Glück ist er dick, ungehobelt und laut – und das in jeder Minute seines Auftritts. Sonst hätte sich ja fast eine Spannung, ein ambivalentes oder gar hin und her gerissenes Verhältnis zwischen ihm und Barblin entwickeln können! Sonst hätte der Zuschauer ja fast einen Moment die scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse aus den Augen verlieren können… So ein Glück auch, dass Barblin am Ende mit kurz geschorenem Haar in Erscheinung tritt – eben so, wie es sich für eine Judenhure und eine, die wahnsinnig geworden ist, gehört.
Peymanns Inszenierung lässt keinen Raum für Nuancen, und damit ebenso wenig für Authentizität. Die Schuld, die Andris Vater (Norbert Stöss) anfängt zu spüren und die ihn schließlich in den Selbstmord treiben wird, wird behauptet, nicht gezeigt. Andris Mutter, die Senora (Ursula Höpfner-Tabori) bleibt farblos, nichtssagend, unnötig. Die scheinbaren Geständnisse der Andorraner , die in Wirklichkeit Versuche sind, die Schuld von sich zu weisen, werden so plakativ inszeniert, dass da nichts bleibt von dem aufrichtigen, verzweifelten Versuch oder auch dem eiskalt kalkulierten Ergreifen der Möglichkeit, sich selbst freizusprechen, nichts von dem Schwanken zwischen Schuldeingeständnis und Sich-selbst-Belügen.
Im Grunde hat Peymann natĂĽrlich Recht: Der Verrat, die Schuld sind groĂź, nicht klein, nur schade, dass sie eben auch so groĂź dargestellt werden, und nicht auch in ihrer Ambivalenz, in ihren kleinen Zeichen. Das Urteilen wird dem Zuschauer nicht schwer gemacht, aber genau das ist es im wirklichen Leben. Genau das ist es auch in Frischs Textvorlage. Aber im Berliner Ensemble macht sich der Zuschauer ein Bildnis. Und wird dem StĂĽck damit am allerwenigsten gerecht.
Trotz allem – dank der ausgezeichneten Textvorlage und dem bemühten Spiel von Thomas Niehaus und Judith Strößenreuter geht der Zuschauer dann eben doch berührt aus dem Theatersaal. Es bleibt eben dabei: Unrecht und Leid lassen nicht kalt. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass nicht zu viele Berliner Schüler in diese Inszenierung geschickt werden – sie könnten am Ende denken, dass eben doch alles so einfach ist, wie die Andorraner vorgeben.
Lydia Dimitrow
Andorra im Berliner Ensemble – zunächst zu sehen am 16.03.2010
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Frau Othello – DT
24. Februar 2010 · von keinHamlet · 1 Kommentar
Deutsches Theater. Gerade noch den Matsch an den Schuhen, jetzt voller Vorfreude, Kassenverhandlung. GlĂĽcklicherweise sind die Karten noch da. Ausverkaufter Saal.
Venedig und ich bin im Parlament. Das Spiel beginnt. Wie in eine gute Geschichte, werde ich hinein genommen, mitten in eine Situation. Figuren positionieren sich, vorhergegangene Konflikte werden deutlich. Ich wollte ja schon immer mal Othello sehen. Untypisch, aber anscheinend Zeitgemäß, wird Othello von einer Frau (Susanne Wolff) gespielt.
Das Bild wird begonnen zu zeichnen, wie Kreidestriche an einer Stahlwand. Ein Bild, das ich am Ende als undeutlich empfinde. Dabei sagt der Flyer:
“Jette Steckel, Nachwuchsregisseurin des Jahres 2007, begibt sich mit ihrer Inszenierung auf die Suche nach dem Fremden, dem Monstrum, dem Tier, dem Feind, Dem Mann, der Frau und dem Kind, die sich in der Figur des Othellos vereinen. Othellos Geschichte konfrontiert uns mit der Frage nach den Bildern von Identität und deren Zerstörbarkeit.”
Das StĂĽck enthielt einiges Identitätspotenzial. Gut, ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet “Gender”, aber die Flyer These finde ich “over the top”. Oder nicht inszeniert. Oder „ungenau“. Der neu errungene Begriff des Wochenendes.
Othello, ein Mann der sich im Krieg bewährte, Ruhm erlangte, um Anerkennung kämpfte, wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde, sich verliebte, seine Desdemona heiratete, in Jago das Gute sah, sich vom Freund Cassio abwandte, sich täuschen ließ, zum eifersüchtigen Ehemann und schließlich zum Mörder wurde.
Da steckt viel drin. Aber die Frau? Das Kind? Das Tier? (Den Rest verstehe ich ja)
„Hier ist, der mal Othello war: Ich bins.“?
Ich habe eine Geschichte gesehen, mit skurrilen Elementen, denn wenn Othello (Frau) und Desdemona (Frau) Liebesszenen spielen, sich ein Othello (nur) äußerlich verändert, entstehen Assoziationen, die irritieren.
Dann geht es nicht um die Identität des Othello, sondern um wechselnde Konflikte. Othello erschien mir immer Souverän, immer gleich, ob im roten Abendkleid, im Sakko, oder im GorillakostĂĽm. Es war immer der selbe Othello, in unterschiedlichen Konflikten. Ich sah einen Othello, der sich verkleidet und keinen der mit seiner Identität ringt. Das Spiel läuft straight. Die Story verläuft klassisch, mit angepasster Sprache und unnötigen “Comedy” Einlagen, die das Spiel fördern. Sie erzeugen Kurzwei(b)lichkeit.
Es war angenehmer Abend, der keine Fragen stellte und der fĂĽr mich keine Botschaft enthielt. Eine Geschichte ĂĽber Eifersucht und Täuschung. Ich freute mich ĂĽber die Schauspieler (Ole Lagerpusch als Jago war beeindruckend) und den Sturz des “eisernen Vorhang” (BĂĽhne: Florian Lösche) werde ich nie vergessen. Mein erstes Mal Deutsches Theater.
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